Dienstag, 16. März 2010

Ich bin eine schlechte Lehrerin

Diese Liste hier (klick!) könnte von mir sein. Punktgenau, mit Variationen.
Außer dass ich nur 142 Schüler habe (bei einer 70%-Stelle).
Und dass ich glaube, dass spätestens ab Stelle 120 noch ein paar "total normale, unauffällige" Schüler stehen. Denen noch nichts Widriges im Leben widerfahren ist, die vielleicht sogar auf Dauer verkraften werden, dass sich kein Mensch in der Schule auch nur mit einem Seitenblick um sie kümmert. Kümmern kann: wegen Nummer 1 bis 120 der Liste.
Ich bin eine schlechte Lehrerin.

Zu Zeiten, als ich mich noch verteidigte - gegen die Allseits-Vorwürfe meiner Faulheit und meiner vielen Ferien - da ergab sich ein Gespräch mit einer Bekannten, einer Erstklässler-Mutter, über Lehrers Arbeitsbelastung. Ich erklärte, dass ich bei halber Stelle allein 20 Stunden pro Woche in der Schule verbringe. "Dreiviertelstunden!", belehrte sie mich. Stimmt. Hatte ich ganz vergessen :(

Heute bin ich still. Sage "Ja, hast Recht." Das wirkt.

Wünsche mir, dass ich Kräfte nicht auch noch an Elternfronten verbrauchen muss. Wenn ich angegangen werde und mich in langen Gesprächen, Telefonaten, Emails erklären muss. Wissend, dass die Eltern Recht haben, eigentlich. Und ich auch, eigentlich. Dass wir hier zwischen uns ausfechten müssen, wofür beide Seiten nichts können. Manchmal gelingt der Dialog, dann fühlt sich das Dilemma ein wenig leichter an.

Manchmal gelingt der Dialog nicht. Anwälte werden eingeschaltet. (Unsere Gegend hier ist speziell ...) Folge-Kraftverbrauch: Lückenlose Dokumentation von allem was passiert ist gefragt. Das Verwaltungsgericht ist unerbittlich. Wir sind an unserer Schule gebrannte Kinder. Also: BriefimUnterrichtgeschrieben - zuspätnachderPause - HausaufgabeNummer5avergessen - sichimTonvergriffen - Mitarbeitverweigert - Schulgeländeverlassen; Datum, Uhrzeit, Zeugen. Das Ganze mal 142 (oder 120 :)). Ein Buchhalterjob, nicht spaßig, Zeitfresserding.

Und ich dazwischen?
Merke, wie eine Erschöpfungsschlinge um mich herum ausgelegt ist. Von allen Seiten kommt es näher.
Mein eigenes Befinden, letzten Sommer, das war arg.
Und dann ein lieber Kollege, niemand hätte es gedacht.
Neulich wieder Schüler über eine Kollegin, immer öfter krank, nun dauerhaft: "Die hat keine Lust mehr." - Ich bin aus der Haut gefahren, vor den Schülern. Wie sonst selten, aber das hatte mich getroffen. Erklären konnte und wollte ich es nicht. Wie sollen die Kinder das auch verstehen?

Das Thema treibt mich um.
Ich muss vieles lernen, will ich nicht, dass die Schlinge sich enger zuzieht.
Nein's lernen, vor allem das. Beginne mit kleinen Nein's im Schulalltag.
Sensibel in mich horchen, ob und wann vielleicht größere Nein's vonnöten sind.
Mir nicht 142 Paar Schuhe anziehen wollen (passen ja eh nicht auf zwei Füße ;-))
Fein spüren, wenn es enger, wenn es eng wird.
Dann ehrlich sein: mit mir und der Welt.
Ich werde üben.

Kommentare:

  1. quatsch, das mit der schlechten lehrerin.
    gut, gleich sooo präsent zu sein im lebensumfeld schule.
    nicht zulassen, dass "es" sich enger schnürt - und trotzdem die antennen weit ausgefahren lassen!
    gruß von sonia

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  2. Naja, ich weiß es eigentlich, das mit dem Quatsch (außer in manchen Elterngesprächen ;-)) - hab den Post-Titel vom verlinkten Post halt mit übernommen.
    Die Verbindung der letzten beiden Dinge - das ist wohl die hohe Kunst ... lernbar????

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