Mittwoch, 20. Juli 2011

Fundgrube

Ein Seminar, Lehrerfortbildung, es geht um soziales Lernen während der Pubertät. Es geht darum, wie wir den Prozess des Reifens begleiten können. Sehr fordernd, sehr ins Innere gehend, sehr stark uns selbst betreffend erlebe ich die Tage.
Am zweiten Abend steht auf dem Programm: Fundgrube. Man bringe einen Gegenstand oder eine Geschichte mit aus der eigenen Jugendzeit, etwas Bedeutungsvolles.
Ich weiß nicht, wie ich mir das vorstellen soll. Fremde Menschen, noch wenig Vertrautheit in der Gruppe, und sowieso finde ich in meinem Haus kaum einen Gegenstand von damals. Stecke zögerlich drei Briefe ein, aus einem sehr bedeutsamen Stapel. Jedoch schon entschlossen, die zugehörige Geschichte sowieso nicht zu erzählen.

Und dann sitzen wir da in der Runde, jeder hält ein Etwas in der Hand. Unbeholfenes Schweigen. Der Seminarleiter beginnt, erzählt vom Pfadfinderlager, von sternklaren Nächten und dem Naturerleben eines Zwölfjährigen. Jemand anderes erzählt von der Seelenfreundin, der bis heute einzigen. Jemand vom Basketball, dem Verein, der Mannschaft, dem starken Gruppengefühl. Vom Klarinettenspiel, dem Saxophon, dem unbändigen Willen, unbedingt in die Big Band aufgenommen zu werden. Von versessener Computerbastelei, so dass über Jahre das ganze Taschengeld dabei draufging. Vom Mofa, der ungeheuren Wichtigkeit des Führerscheins, da dies die Unabhängigkeit bedeutete. Vom ersten Freund. Von der ersten LP, dem ersten Rockkonzert. Von einer ersten Begegnung mit dem Tod. ... Es wird immer stiller. Immer gebannter. Immer häufiger verstohlenes Tränenwegwischen, leises Taschentuchrascheln. Immer leiser die Erzählstimmen, immer gefesselter der Blick auf den anderen. Und immer stärker die Ahnung, dass sie alle eigentlich von mir erzählen. Verbindendes Verstehen. Zurückversetzt in die Intensität dieser Jahre: Gefühlskraft, Willensexplosivität, Intensivstleidenschaften. Und viel Schmerz. In allen Erzählungen sitzen die Tränen nicht weit.

Irgendwann erzähle auch ich. (Etwas, das ich hier nicht teilen möchte.)

Irgendwann haben alle etwas erzählt. Niemand, der sich nicht traute. Denn plötzlich sind wir so nah, als kennen wir uns schon lange. Und ich glaube, ich werde keine einzige dieser Geschichten vergessen. Weil jede einzelne mir den Blick in ein gesamtes Leben geschenkt hat.

Als die letzte Erzählstimme verhallt, schweigen wir. Es gibt nichts mehr zu sagen.
Es ist Abend, wir gehen auseinander.
Und nehmen eine Ahnung mit. Eine Ahnung davon, dass es diese Zeit war, die uns seither durchs Leben getragen hat, die weiter tragen wird. Die uns geprägt hat, in der wir uns geformt haben wie niemals vorher und niemals nachher. Es ist, als hätten wir alle - in je anderer Ausprägung - das Gleiche erlebt. Dieses Erleben ist uns unglaublich nah, ganz gleich, ob wir 30 oder 60 Jahre alt sind. Weil aus dieser Zeit unzerreißbare Fäden ins "Erwachsenen"alter hineingewoben sind.

Noch nie zuvor habe ich so viel verstanden von der Pubertät.
Schon wegen dieser Fundgrubenstunde hat sich die Fortbildung gelohnt.
(Sonst war sie übrigens auch sehr gut.)


Als ich am nächsten Morgen auf meinen schlafenden Sohn blicke, auf das Noch-Kind, spüre ich zum ersten Mal vorfreudige Erwartung, ihn durch die sich nähernde Reifezeit begleiten zu dürfen. Vielleicht ist das, aus der Überwältigung des Augenblicks heraus, etwas naiv gesehen. Sicherlich wird es schwierig werden, sehr. Aber ich möchte diese Fundgrubenstunde immer in der Tiefe mit mir tragen, wenn demnächst bei uns die Türen knallen und die Fetzen fliegen. Ich hoffe, ich vergesse mein Erleben dann nicht ...
(Und vielleicht habe ich das alles genau deswegen aufgeschrieben.)

1 Kommentar:

  1. Es wird wohl heißen:
    Klavier im Orkan....
    Ich träumte von einer Höhle, strahlend hell gefüllt mit Gold: Deine Fundgrube...

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