Sonntag, 24. Juli 2011

Nichtbegegnungen

Es gibt Tage, da falle ich von einer in die nächste.

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Ich sehe sie, die Tränen im Auge der Frau. Genau jetzt müssten wir weitersprechen, genau jetzt wollte auch ich meine Tränen und noch viel mehr teilen. Genau jetzt aber drängt der nächste Termin. Wir gehen auseinander, kaum dass die Begegnung begonnen hat. Sie ist nicht fortzusetzen, beim nächsten Mal.
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Es gäbe zu sagen und zu fragen noch und noch, das Gegenüber wartet auf den Anruf, ich weiß das, und greife doch nicht zum Telefon. Schiebe es mit einem „nicht jetzt“ auf. Drücke mich.
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Aneinandergereihte Worte in einer Mail, die ich lese. Ich baue eine ähnliche Wortkette und sende sie ab – das Eigentliche bleibt ungesagt. Das steht zwischen den Zeilen, aber mittlerweile so gut versteckt, dass es nicht mehr aufzufinden ist. Eine unausgesprochene Vereinbarung zwischen uns.
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Der Text, den ich in eine unbekannte Menge hineinschreibe – ich zeige mich nicht. Es ist nicht ich, die da schreibt. Soll es auch nicht, das habe ich ja vorher gewusst und mich einverstanden erklärt.
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Fühle mich in der großen Menge überfordert, bin nicht mehr bei mir. Und so verlassen Worte meinen Mund, die ich nie nie nie sagen wollte. Die den Moment zerstören und spätere Begegnung verhindern. Die vielleicht nie mehr auszulöschen sind.
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Alltagsgeplaudere, Smalltalk, an einem ganz normalen (Arbeits)Tag - so wie man das eben macht. Ganz normal, nicht mal kaltherzig. Aber doch stündlich, minütlich an der echten Begegnung vorbeigeredet.
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Plötzlich stehen wir uns auf dem Schulflur gegenüber. Welcher wahrlich nicht der Ort für Begegnungen ist. Die Augen sprechen eine andere Sprache, aber die Münder plaudern belanglos. Anders geht es hier nicht – das tut uns weh. Aber wir schaffen es nicht an diesem Ort.
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Erschöpfung und Überforderung. Meine Augen gehen ihren eigenen Weg und ziehen sich aus dem Blickkontakt zurück. Ich schaue nicht mehr wirklich in die Klasse, in die Gesichter, nur noch scheinbar. Mit dieser Technik: einen Punkt kurz oberhalb der Schüler in der letzten Reihe fixieren. Ich treffe niemanden mehr mit meinen Blicken. Mir entgeht: alles. Ich bin eigentlich gar nicht mehr hier.
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So vielfältige Gründe für Nichtbegegnung. Es gibt Tage, da reiht sich einer an den anderen. Da umschiffe ich jeden wirklichen Kontakt, da bleibe ich wie auf einer Insel gefangen. Wenn ich dann am Abend den Geschmack des Tages auf der Zunge schmecken möchte, fühlt es sich wie Luft an, oder wie zerfallener Staub, oder wie geschmackloser Brei. Mich lassen solche Tage seltsam leer zurück.

Ich frage mich, was mit solchen Tagen später in meiner großen Tagessammelkiste geschehen wird. Bekommen sie einen Aufkleber „Scheintage“? Oder nenne ich sie besser "Leere Tage", "Ungelebte Tage", "Nichtgewesene Tage", "Einsame Tage"?
Oder ist mein Regal mit den Reichbegegnungstagen ohnehin schon zu sehr gefüllt, ist dort kein Raum mehr, so dass es solche Tage braucht? Brauche ICH solche Tage, weil … hm … ja, weil Begegnung immer auch erschöpfend ist? Nichtbegegnung als Erholungsphase?
Sind wir vielleicht – mehr als ich im Moment verstehe – ein Stück weit wie diese Schiffe, bei denen das Aneinandervorbeifahren, das Nichtbegegnen seinen guten Sinn hat?






(Oder bin nur ich so ... ?)

Kommentare:

  1. Ich denke, dass es die gesammelte - und manchmal auch potenzierte - Nichtbegegnung ist, die auspowert und erschöpft.

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  2. Hm, es gibt sicher Lebenssituationen (und gab es schon bei mir), da unterschriebe ich das. Aber im Moment: nein, eher nicht so. Ich bin ein sehr begegnender Mensch. (Das kann man aus diesem Einzeltext nicht herauslesen.) Aber bei bis zu 120 Schülern am Tag ist meine Kapazität - wollte ich die alle begegnend wahrnehmen - sehr schnell erschöpft. Ebenso in anderen Bereichen meines Alltags.
    Mir scheint, ich würde gern mehr als ich kann - und dann eben Rückzug als Schutz, als Notwehr.
    Ich suche weiter, warum das so rumort in mir ...

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