Samstag, 2. Juli 2011

Gestern

Der eine wird 85. Lädt ein, und lässt sich feiern. Mit Musik, geladenen Gästen, an offiziellem Ort. Reden werden gehalten, Urkunden überreicht, Präsente gewidmet, Gutmenschtum gepriesen, man möchte fast sagen: beweihräuchert. Selbstschauanteil: "Ich bereue nichts. Alles würde ich wieder ganz genauso machen."
Zweifellos: er hat gewirkt, sein Wirken hat geprägt, und vor allem finanziert. (Auch unseren Kindern kommt es zugute.)
Zweifellos aber auch: es ist so nähelos, so unherzlich, so nichtempathisch hier auf dieser Feier. Der Mensch hinter Krawatte und Präsenten versteckt. Von seinen fünf Kindern ist keines gekommen. Unsichtbare Geschichten im Hintergrund. Im Vordergrund spielt laute Musik. Und es klingen die Gläser.

Der andere, viel jünger, vollendet an diesem Tag seinen Lebenskreis. Viel leiser. Ein solches Selbstdarstellungspodium, solche Reden wären seine Sache nicht gewesen, Urkunden schon gar nicht.
Er hat im schlichten Sein gewirkt, mit Worten und Gedanken und Lebenslust und Ernsthaftigkeit und Menschenliebe und Verschmitztheit und Schreibfreude und tiefstem Respekt vor dem Leben. All das teilte er aus, an die, die zuhören wollten. So wirkte er, dieser feine Mensch. Aus der weiten Ferne bis in mich hinein.

Gestern - da zerreißt es mich fast.
Ich sitze in dem lauten Saal, und bin doch dem leisen Abschied in mir viel näher. So fragwürdig das Marionettenhafte auf der Bühne. So intensiv das Echo des Stillen in mir.
Vielleicht braucht es beide Pole auf dieser Welt.
Das Grelle und das Pastellfarbene.
Die Selbstdarstellung und die Demut.
Das Herausgehen und das Hineinschauen.
Das Gläserklingen und die Innigkeit.
Den Schein und den Kern.
Das Laute und das Leise.
Ganz sicher braucht es beides.
Nur gestern, da war mir das eine so viel näher als das andere.

Danke, E., für alles.
Leb wohl.
(Oder kann man das so nicht mehr sagen ...?)

1 Kommentar:

  1. wie schön...was für gute worte gefunden- für den unwahrhaftigen und den feinen...

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