Samstag, 18. Juli 2009

Der besondere Baum

Bald wohnt er zwei Jahre bei uns, unser Maulbeerbaum.
Im ersten Jahr bot er, was wir von ihm erhofft hatten: saftiges Grün, eine schöne Gestalt, Schatten, Sichtschutz zum Nachbarn.
Im zweiten Jahr wurde er krank, durch einen Schädling. So krank, dass es nicht reichte für grüne Blätter. Schwache, kraftlose Versuche, Blattwerk wachsen zu lassen, überforderten ihn. Kaum ein Blatt war im Mai mehr zu sehen. Lediglich ein Ast hatte müdes Grün bewahrt, kleine, kümmerliche Blätter.
Es schmerzte, und wie. Es war Trauer in mir, in uns. Diesen Baum gehen zu lassen … Unmöglich, so fühlte es sich in mir an.

Und doch kam der Gedanke auf, es müsse ein neuer Baum her.
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Die Baumschule bot uns sofort Ersatz an, ein seriöser Betrieb eben. Natürlich bekämen wir den Schaden ersetzt. Und natürlich sei man bereit, dies kahle Gewächs sofort heraus zu reißen, damit uns sein Anblick nicht länger schmerzte.
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Allein, wir hatten keine Zeit mehr fürs Abholzen, keine Zeit mehr für Ersatzbeschaffung, keine Zeit mehr für diese Entscheidung, da es in den Urlaub ging. Und eigentlich, ja: tief im Innern stellte sich auch kein rechtes Ja zu einem neuen Baum ein.
Was sollte uns dieser? Ein Ersatz?
Nein, einen Ersatz vermochten wir uns nicht vorzustellen. War er doch irgendwie einmalig, unser Maulbeerbaum.

Und so blieb er stehen.
Und wir fuhren in den Urlaub.

Zwei Wochen später kommen wir zurück:
Und können unseren Augen kaum trauen – ein Wunder!
Üppiges Grün, neugewachsene Äste, eine Fülle an Kraft aus der Mitte heraus, der Baum mit neuem Leben gesegnet!



Ja: Welch ein Wunder, welch ein Geschenk!
Der Baum lebt, und wie. Noch nie zuvor hatte er solch große Blätter. Und wir hätten ihn schon beinahe aufgegeben, beinahe ausgetauscht …

Nun bleibt uns, voller Geduld und Vorfreude – nein: Freude eigentlich – zuzuschauen, wie die neuen Äste wachsen, wie sie an Kraft gewinnen, wie sie die alten eines Tages an Größe überragen werden. Und bis zu diesem, noch fernen Tag nehmen wir gern mit etwas weniger Schatten vorlieb.

Danke, Baum, dass Du uns die Augen geöffnet hast:
Dass nicht alles, nicht alle Kraft auf den ersten Blick sichtbar ist.
Dass der Keim der Fülle manchmal sehr verborgen ist.
Dass man Geduld braucht, um Lebensfreude und Stärke wiederzufinden.

In ein paar Jahren wird man Dir Deine besondere, einzigartige Geschichte vielleicht nicht mehr ansehen. Aber wir werden dankbar bleiben: Für Dich als unseren besonderen, einzigartigen Baum.

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