Mittwoch, 15. Juli 2009

Spuren des Lebens

Seit einiger Zeit ist Felix bei uns. „Felix“ – der Flügel, für den unsere Schule an die fünf Jahre gespart, Spenden gesammelt, Sponsoren aufgetrieben hat.
Kurz darauf das Einweihungskonzert: Felix wartet morgens im Schulfoyer auf seinen ersten öffentlichen Auftritt. Ich betrete die Schule, sehe Felix erwartungsfroh da stehen. Und sehe meinen Musik-Kollegen mit gekräuselter Stirn davor sitzen.

- „Was ist?“
- „Er hat schon einen Kratzer.“
- „???“
- „Erst eine Woche im Musikraum, und schon muss irgendwer ´nen Tisch dagegen geschoben haben.“

Eine kleine Schramme in Tischhöhe, nicht sichtbar, nur schmerzhaft. Weil es die erste Schramme ist. Weil nun die „Neugeborenenhaut“ versehrt ist.

„Ach, weißt du,“ erzähle ich von unserem Einzug ins neugebaute Haus aufs neuverlegte glänzende Parkett vor drei Jahren, vom Schmerz um den ersten Kratzer, vom Schmerz um den zweiten Kratzer, um den dritten auch noch. Und dass es jetzt, nach drei Jahren, gar nicht mehr weh tut. Im Gegenteil, dass es gut ist zu sehen, wie das Haus lebt. Auch in den Kratzern lebt.

„Ja, deswegen sind wir in ein altes Haus gezogen, mit altem Parkett, dem das Leben schon in jeder Faser anzusehen ist.“ --- Ich muss gestehen, ich beneide den Musik-Kollegen ein wenig um das Alter seines Hauses. Um das Leben, was schon darinnen ist. Welches wir in unser Haus erst noch hineinleben müssen.

Und mir kommt ein Gespräch mit einer Bekannten in den Sinn, etwas älter als ich, die im Sommer ihre Kleidung stets so auswählt, dass die Narbe auf der Schulter ja nicht zu sehen ist. Und wie sie mir erzählt, dass die sechzehnjährige Freundin ihres Sohnes darauf reagiert hat: „Weißt du“, hat diese gesagt, „ich liebe Narben. Narben sind die Spuren des Lebens.“

Das sagt sich natürlich leicht, wenn man sechzehn ist. Und doch ... Ich erzähle dem Musik-Kollegen davon. Ob ihn das die erste Schramme in neuem Licht sehen lässt? Ob es tröstlich ist? Ich weiß es nicht.

Das Konzert am Abend jedenfalls ist erfolgreich. Die Schramme nicht zu hören.

Und: Das Thema wäre durchaus noch zu vertiefen.

Was sind uns unsere Narben, Schrammen, Kratzer?
Wie fügen sich Wunden und Versehrtheit ein ins Leben?
Wie verwandeln uns solche Schmerz-Spuren?

Wie tief dringen sie ein?
Sollen wir überhaupt zulassen, dass sie eindringen?
Oder sie besser an einem Panzer abprallen lassen?

Wie viel Heilung ist möglich? Wie viel Heilung ist nötig?
Sind Glattheit und Glanz gut und normal?
Glatt und unversehrt – ist das schön? (Man stelle sich nur mal eine 80jährige mit Babyhaut vor …)

Ach, und ich:
Was bedeuten mir meine Verletzungen, meine Wunden, die Spuren, die mein Leben in mich hinein grub?
Wie integriere ich sie? Wie binde ich sie ein in mein Lebensgefüge?
Wie lerne ich, sie loslassend zu umarmen?

Allein: Es fehlt die Zeit, jetzt, für solche Betrachtungen. Zumal Antworten nur schwer zu finden sind.

Felix, du Glücklicher: Was lösest du in mir aus?

Eines noch – um hier keine Missverständnisse aufkommen zu lassen:
Es kann nicht angehen, dass Schüler im Musikraum Tische gegen Flügel schieben und dadurch Kratzer verursachen. Darüber bin ich mir mit meinem Musik-Kollegen sehr einig.

Kommentare:

  1. Es ist spät, viel gescheites kann ich nicht merh denken, nur soviel:
    Der Schmerz über die erste Schramme, über die erste Verletzung gehört wohl dazu, man kann die Erfahrung ja nicht vorweg nehmen. Und erst durch den Prozess, der über den Schmerz führt, wird die Integration der Lebensspuren möglich.
    Zeig dein Blog bloss keinem aus der Kosmetikindustrie.

    Und danke für die Denkanstösse, werde sie morgen in die Tätigkeiten, die Gedankenflissen zulassen, mitnehmen.
    Gruss an Felix! (g-moll)
    Gabriela

    AntwortenLöschen
  2. Liebe Uta,

    danke für die Denkanstösse von Felix!
    Am 10. August ziehen wir nun endgültig wieder in unsere sanierte Kreuzschule ein. Momentan wird eine aufwendige Hausordnung erstellt, um ersten Kratzern möglichst vorzubeugen, in den neuen Fußböden, an den frisch gestrichenen Wänden, an den neuen Möbeln, in der neuen Turnhalle, auf dem neugestalteten Schulhof - ich könnte die Liste fortsetzen. Ich vermute mal, die ersten Kratzer werden nicht lange auf sich warten lassen. Da kann die Hausordnung ausführlich sein wie sie will. Ich bin mir aber auch sicher, dass es viele Stellen zu entdecken gibt, an denen die Sanierung nicht alle Kratzer der vergangenen Jahre beseitigt hat. Und das ist auch gut so. Ich bin froh, dass wir trotz Sanierung in ein lebendiges HAus mit lebendigen Kratzern einziehen werden.

    Was nun die eigenen Kratzer angeht, haben mich die meisten eher stark gemacht. Aber Gabriela hat recht, der Prozess muss wohl über den Schmerz führen, damit man die Narben annehmen kann, die körperlichen und auch die seelischen.

    Viele Grüsse
    Susanne

    AntwortenLöschen
  3. Liebe Gabriela,

    benenne doch mal bitte dies "g-moll" etwas konkreter. Bitte bitte. (Oder hat es mit Musik gar nichts zu tun? Dann habe ich es vielleicht doch verstanden.)

    Das "über den Schmerz" dagegen konkreter zu benennen (für mich) will ich Dich jetzt nicht bitten. Das ist ja auch gar nicht Deine Aufgabe ... gell?!

    Herzliche Grüße
    Uta

    AntwortenLöschen
  4. Wenn Schmerz konkret ist, muss er gar nicht mehr benennt werden, dann ist er fühlbar.
    Schreibe ich müde und halb schlafend, aber ich schreibe noch! :-)
    Gabriela

    AntwortenLöschen