Dienstag, 18. Mai 2010

Buchpräsentation und Muttergefühle

Soeben in der Grundschule. So habe ich mich noch selten erlebt.
Der Sohn soll ein Buch vorstellen, so wie alle anderen Kinder auch. Heute sind drei von ihnen dran. Die jeweiligen Eltern sind dazu eingeladen, und so sitzen wir im Klassenzimmer, hinter 25 aufmerksam lauschenden Kindern.

Das erste Mädchen beginnt, erzählt über eine Autorin, nutzt eine Karteikarte mit Stichworten. --- Der Sohn schreibt an seinem Platz eifrig auf eine solche.
--- Ich werde ganz aufgeregt: was macht er da nur, er sagte doch gestern, er wäre fertig?

Als nächstes wäre er dran – nein, er hätte seine Karteikarte vergessen, müsste sie neu schreiben. Na, das ist aber mit heißer Nadel gestrickt, schmunzelt die Lehrerin. Er schreibt unbeirrt weiter.
--- Ich werde immer nervöser: wenn wir das nur schaffen …

Vorn tritt ein zweites Mädchen auf. Kurz vor Ende ihres Vortrags geht der Sohn auf die Toilette.
--- Ich glaube, ich muss auch mal …

Dann ist er dran, scharrt mit den Füßen, beginnt stockend, in abgerissenen Sätzen.
--- Mir rutscht fast das Herz in die Hose … (Ich hoffe, ich habe nicht auch mit den Füßen gescharrt.)
Er redet allmählich flüssiger, erzählt die lange lange Geschichte seines Buches auswendig und hat endlich den freien Teil des Vortrages beendet. Beginnt eine Passage vorzulesen.
--- Ich atme erleichtert auf: lesen ist doch viiieeel leichter als frei sprechen.
Er liest schnell – zu schnell – und viel, ist nicht mehr zu bremsen.
--- Ich gehe mit der Geschichte mit. So intensiv spüre ich Geschichten nie, wenn ich sie selbst vorlese. Wunderbar!
Er ist tatsächlich nicht zu bremsen, die Lehrerin flüstert ihm dreimal von hinten ins Ohr, nachdem er schon zweimal umgeblättert hat und seine Ende-Markierung noch einige Seiten hin ist.
--- Oh je, das würde mich total aus dem Konzept bringen.
Nun hält sie ihm den nächsten Absatz zu, sagt, dass er sonst wohl bis zum Ende lesen würde, und das wollten wir doch nicht verraten ;-) - Er lächelt und hört einfach auf.
--- Mir fällt ein Stein vom Herzen: Geschafft.
Noch die Fragen und Anmerkungen der anderen Kinder. Er antwortet souverän.
--- Ich staune nur.
Ein Mädchen sagt: „Mir gefällt, dass Du alle Figuren auf das Plakat gemalt hast, so dass man sie sich besser vorstellen kann.“ – Er sagt: „Danke.“
--- Ich staune noch viel mehr. Wir schwer das doch ist, ein positives Feedback nicht abzumildern, sich nicht herauszuwinden. Nein, einfach „danke“ sagen – das könnte ich wohl nicht.

Oh, ich bin immer noch ganz aufgeregt. Werde nur langsam ruhiger. Die anderen Eltern wirken gelassener. Warum habe ich nur so extrem mitgefiebert?
Vielleicht weil es mir unglaublich erscheint, unglaublich schwer, unglaublich mutig, sich in diesem Alter vor so viele Zuschauer zu stellen und frei zu sprechen. Weil wir das früher in der Schule nie mussten und auch nicht gekonnt hätten – insbesondere ich hätte das niiiieeeee hingebracht.
Und weil ich meinen Sohn selten außerhalb der Familie erlebe, noch nicht weiß, wie sehr er dort schon gewachsen ist. Was er alles für Mutkräfte in sich trägt – ja, davon habe ich wohl keine Ahnung. War deshalb aufgeregter als er selbst. Habe ihm nicht zugetraut, was für ihn schon längst ein Leichtes ist …
Oh man, ich werde das üben müssen: gelassen zuzuschauen, wie er große Schritte geht.
Am Donnerstag meine nächste Übemöglichkeit: Klaviervorspiel im Großen Saal der Musikschule.

So, und nun Tochtergeburtstag vorbereiten.

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