Mittwoch, 19. Mai 2010

Erstmals ...

… als Vierjährige aufgewacht, strahlt man nicht nur mit der Sonne um die Wette, nein, dann fällt einem auch gleich etwas Wichtiges ein: „Und jetzt gehöre ich zu den ‚Mittleren‘.“ (Anm. d. Red. Gruppeneinteilung im Kindergarten).
Um gleich hinterherzuschieben: „Und wenn ich sechs bin, komme ich in die Schule.“
Immer mit der Ruhe, ruft mein Mutterherz.
Doch Du wirst es schon richtig machen, wirst Deine Schritte gehen - mit der unglaublichen Ruhe, die Du in Dir trägst, und mit der Dir eigenen Ungeduld.

Beides zusammen - wie das geht?

Na so, wie Du schon auf die Welt gekommen bist.

Erst uns tagelang, ja wochenlang warten lassen. Selbst am Morgen in der Klinik haben wir noch ahnungslos Zeitung gelesen, über dies und das geplaudert, und was wir am Nachmittag machen wollen. Während ich am Tropf hing und man schauen wollte, ob es Dir noch gut gehe da drinnen. Du ruhtest – und ruhtest – und ruhtest. Gabest keinen Laut von Dir – ziemlich genau bis zum Mittagsschichtwechsel. Das weiß ich genau, es war nämlich keine Hebamme verfügbar, als Du mich plötzlich überrumpeltest, mit unvermittelter Wucht.
Ja, einmal entschieden, legtest Du eine atemberaubende Entschlossenheit vor. Einfach war das nicht, dieses Tempo mitzuhalten, aber dafür brauchten wir kaum zwei Stunden ;-)
So schnell, so unerwartet schnell durfte ich Dich in den Armen halten.





Ruhe und Ungeduld - wie Du es seither immer lebst.

Du konntest mit wenigen Monaten, als ich bereits wieder arbeiten ging, 9 Stunden ohne meine Milch aushalten. Flasche oder sonst irgendein Schummelgefäß mit Abgepumptem? – Nein, das kam nicht in Frage, darin warst Du konsequent. Du wolltest aushalten – und so hieltest Du aus. Ohne Quengeln, ohne Unruhe. 9 Stunden! (Alle staunten.)
War ich aber erstmal wieder da: ich glaube, nach etwa 3 Mikrosekunden zeigtest Du allen im Haus (und auf der Straße ;-)), was Dein Stimmchen an Dezibels vollbringen kann.

Obwohl Du also Tag und Nacht auf mich angewiesen warst, hattest Du die Ruhe weg mit Deiner Bereitschaft, andere Kost zu Dir zu nehmen. Meine Geduld war lang nicht so groß. Ich versuchte es nach 7 Monaten, nach 9, dann nach 11 … ich kaufte die Gläschensortimente aller Hersteller leer, Selbstgekochtes, Obst, Gemüse, Milchbreie. Bunte Löffel, Fingerfood, gab Dir von meinem Teller - was ich nicht alles probiert habe. Du warst aber auch einfallsreich: ausspucken, rauslaufen lassen, Mund gar nicht erst öffnen, so tun als ob … und das alles, ohne die Miene zu verziehen. Na, ich hätte doch schon wissen können, dass Du eben noch abwartest.
Dann aber in Italien, Du warst 13 Monate alt, von einem Tag auf den anderen: Bruschette, Pasta, Pizza – da gab es kein Halten mehr. Innerhalb weniger Stunden hattest Du Dich von Muttermilch auf unsere Kost umgestellt ;-)

Und das Sprechen. Oh Tochter, ich weiß nicht, wie viele Logopäden Dich in Deinem jungen Leben schon haben kennenlernen dürfen. Fast möchte ich mich bei Dir entschuldigen dafür. Doch Du hattest offenbar immer Spaß, als diese versuchten herauszufinden, warum Du Dich nicht in unserer Sprache äußerst. Nun, Du plaudertest ungerührt weiter in Deiner eigenen kleinen Geheimsprache, wiederholtest geduldigst, was zu sagen war, notfalls zehnmal, warst auch nicht ungehalten, dass Dich dann immer noch keiner verstand. Ich gebe zu, ich war manchmal beunruhigt.
Dabei hätte ich Dich doch nun längst kennen müssen. Und vertrauen können: Eines Tages, es ist noch gar nicht so lange her, war sie – schwupp – plötzlich da, die deutsche Sprache. Und nun wünschen wir uns manchmal einen Ausschalter ;-)

Es gäben noch so viele Situationen zu erzählen …

Ja, Töchterchen, diese Dir eigene Mischung aus Ungeduld und Ruhe, möge diese Dir erhalten bleiben:
Möge immer genug Ungeduld in Dir sein, um Dich an die Orte Deiner Sehnsucht zu bringen, wo auch immer die sein werden.
Und möge Dich dabei stets die nötige Ruhe leiten, um den allerallerwichtigsten Ort nicht zu verlieren: den innersten Kern ganz tief in Dir!

Hach, wie sollte ich denn jetzt in wenigen Sätzen ausdrücken, was ich Dir noch alles sagen möchte? Vielleicht so:
Dem Seufzer, der Deinem Bruder einst bei Deinem Anblick entfuhr: „Ich hab die Schwester soooo lieb, ich möchte ohne die Schwester gar nicht mehr leben.“, dem schließe ich mich einfach nur an.
Ich weiß schon nicht mehr, wie es ohne Dich war.

So, und nun werden wir Dich feiern.
Das heißt: Du lässt Dich zur Stunde im Kindergarten feiern, und ich sitze gerade in der Schule. Gleich fängt meine Pflichtfortbildung an, und die dauert bis zum Abend. Ganz heimlich aber werde ich mich nachmittags wegschleichen, das, finde ich, sollte heute erlaubt sein ;-)
Und dann treffen wir uns am Geburtstagstisch …

Kommentare:

  1. wenn sie das geschriebene verstehen kann, wird sie vor wärme erglühen!
    schönstes geschenk.

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  2. Eine wunderbare Liebeserklärung! Alles Gute der großen Tochter und einen schönen Nachmittag!

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  3. So schööön!!
    Ich schicke deiner Tochter die besten Wünsche zum Geburtstag und wünsche ihr und euch eine schöne Feier!!

    Liebe Grüße
    Rina

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  4. was für wunderschöne worte zum 4. geburtstag! als gute für euer kleines mädchen!
    mit schmunzeln lese ich über die breiversuche und bin ein wenig beruhigt. hier nämlich auch: keine chance für gar nichts neben der brust. viele grüße aus berlin

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  5. Danke für Eure guten Wünsche - sie haben mein jetzt endlich glücklich eingeschlafenes Kind sicher erreicht. Sie hatte einen wunderbaren Tag. Und ich habe sie -trotz meiner Schulabwesenheit und trotz meiner Müdigkeit (war erst nachts um halb drei fertig geworden) - mit allen Fasern wahrnehmen und genießen können.
    Fotos gibt es auch - ja: die ersten mit der neuen Kamera. Hier vielleicht morgen ein paar.

    @podruga:
    Das werden die besten - diese unsrigen, hartnäckigen, die genau wissen, was sie wollen und brauchen!!!

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  6. liebe uta,
    es freut mich zu lesen, dass ihr einen schönen tag hattet, trotz fortbildung...
    welch ein glück für sie, dass sie sich "so" von dir wahrgenommen fühlen darf.
    hat sie sich über den kuchen gefreut?

    liebe grüße
    heike

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  7. Aber ja, Heike, und wie!
    Allerdings musste der Bruder sie erst fragen: Und was ist das für ein Tier? - bevor sie es erkannt hat.
    Dann hat sie die Mitte abzunaschen begonnen, und die Fühler, und ein Smarties-Eck, und dann war der Bauch voll ;-)
    Später hat sie am Telefon erzählt: Ich hatte einen Meckerlings-Kuchen ;-)
    Darf ich denn Fotos ins Blog stellen?( Ich meine: Du hast ja das Urheberrecht :))
    Lieben Abendgruß
    Uta

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