Dienstag, 11. Mai 2010

Korrektur-Protokoll

Und jetzt setze ich mich ran, mit meinem Grün-Stift ...“ war mein Morgenvorsatz, und ich hab ihn wahr gemacht, fast den lieben langen Tag durch.

Tja, was geschieht an einem solch ereignislosen Tag? Ich habe etwas mitprotokolliert.

Morgenstart-Unlust:
Mathematik zu korrigieren gehört zum Langweiligsten vom Langweiligen. Ich verdorre innerlich.
(Wenn ich das jetzt eine Weile vor mich hinspreche, wird der Tag garantiert nicht zu genießen …)

Frier-Anfall:
Frage mich ernsthaft, ob die Kälte im Arbeitszimmer nicht aus mir selbst kommt … Ich sitze hier mit zwei T-Shirts, Strickjacke, Fleecejacke drüber. Pulswärmer kämen gelegen.

Ablenkungsversuch:
Ich kurzmaile mit der korrigierenden Sportlehrerin. Sie sorgt sich, dass sie zu streng korrigiert habe und beschließt darauf, dass sie sich erstmal einen Tee macht … Na wenn’s hilft :)

Erfolgreich verführt:
Gute Idee eigentlich, das mit dem Tee … Mein Gang in die Küche führt noch zu einem anderen Mitbringsel. Ich weiß nicht, wer die Tafel Rittersport Haselnuss in unserem Schrank deponiert hat, aber sie kommt mir gerade recht.

Unbeherrschtheit:
Die Rittersport ist schon alle. Habe das gar nicht bemerkt. Muss meine Hand allein gemacht haben. Denn sonst ist niemand im Raum. (Verstohlen blicke ich mich um. Na wenigstens hat niemand beobachtet, wie wenig Zeit zwischen dem vorigen und diesem Eintrag vergangen ist.)

Eigentlich keine neue Erkenntnis:
Schokoladenkrümel auf dem Schreibtisch verursachen braune Fleckchen auf Schülerarbeiten. Upps. --- Muss eben der Drittkorrektor an der Stelle was ranschreiben. Seine Korrekturfarbe ist eh braun.

Das bin typisch ich:
Die Randbemerkung „unbrauchbar“ des Erstkorrektors provoziert stets aufs Neue meinen Widerspruchsgeist. Bin jedes Mal versucht, aus den wirren Schüleransätzen doch noch einen gescheiten Lösungsweg zu basteln, und sei es auf Umwegen, die kein Schüler der Welt je gefunden hätte. Dann dürfte ich „unbrauchbar“ durch „unvollständig“ ersetzen – klingt nicht so brutal. Dann darf ich vielleicht manchmal ein halbes Pünktchen mehr geben.
Notiz an mich: Blöder Forschergeist. Kostet unendlich viel Zeit. Besser mit meiner Zeit haushalten …

Wunschdenken:
Warum kann der Schüler zu einer Frage bitteschön nicht entweder alles wissen oder gar nichts? Das wäre sooo einfach für mich. Aber dieses ewige Halbwissen – wie soll man das bitte bepunkten???

Noch ein Bepunktungsdilemma:
Schüler liefert gedanken- und ideenmäßig korrekte Lösung, brilliant aufgeschrieben. Die Mathematiklehrerin in mir jubelt, denn darauf kommt es schließlich an, wie ich meinen Schülern immer verkünde. Das wäre volle Punktzahl (hier: 6).
Aber: Schüler hat dabei 17 Vorzeichen- und Rechenfehler gemacht. Als Ingenieur wäre ein solcher nicht zu gebrauchen – die konstruierte Brücke stürzt ein, noch bevor sie fertig ist. Nein, einstürzende Brücken, das geht ja gar nicht. Also null Punkte.
--- Die Wahrheit liegt wie immer in der Mitte. Aber wo ist die Mitte zwischen 0 und 6 ??? Ich meine in diesem Falle hier – rein rechnerisch weiß ich das alleine ;-))

Überlebensstrategie:
Je weiter der Tag fortgeschritten, desto ermüdeter hänge ich über den Aufgaben. Küche aufräumen und Bett beziehen werden in dieser Situation zu unerwartet spannenden, abwechslungsreichen, aufweckenden, mich erfreuenden Tätigkeiten ;-))
Das kann jetzt hier keine nachvollziehen, aber das waren die Gute-Laune-Bringer des Tages. Ich habe gesungen dabei!


Fazit:
Meinen regen Geist auf der Parallelspur damit zu beschäftigen, ein paar Sätzchen für’s Blog zu formulieren – während die eine Spur monoton Rechnungen scannte und überprüfte, formulierte die andere Spur das, was hier geschrieben steht, absolut gleichzeitig! – tat ihm und mir gut.
Von Grünstift-Depression bin ich heute meilenweit entfernt. Zumal ich gut was weggeschafft habe. Es besteht Hoffnung, dass ich schon vor Sonntag Abend fertig werde. Die Familie würde es mir danken :)

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