Sonntag, 16. Mai 2010

Es liebend annehmen

Warum das so ist, darüber habe ich noch nie näher nachgedacht, aber es ist so: Ballonbodentage sind bei mir oft Aufräumtage. So richtig aufräumen im Äußeren, meine ich, im Haus irgendwo. Mein Zimmer oder den Keller oder, wie heute, die Kinderzimmer.

Warum mag das so sein?
Weil ich das Bedürfnis habe, mich im Äußeren so zu erschöpfen wie ich mich im Innern fühle? Weil meine lahmenden Kräfte nicht in der Lage sind, etwas anderes zu erschaffen als eine Ordnung in Regalen und Schränken? Weil ich dabei langsam und versunken tätig sein kann, wie es mir gerade entspricht? Weil ich Verwandtschaft empfinde: die äußere Unordnung als Spiegel meiner selbst? Weil ich also im Äußeren eine Aufgabe angehen darf, deren inneres Pendant ich im Moment nicht bewältigen kann?

Heute also Aufräumtag, obwohl wahrlich genug anderes drängte – ich konnte das alles nicht, vergrub mich ins Aufräumen beim Sohn. Dort ist es allemal nötig, immer. Die Unordnung in seinem Zimmer ist einer unserer häufigsten Konfliktpunkte. Oft muss mich beherrschen, nicht aus der Haut zu fahren, weil es mir schier unerträglich ist, das anzusehen:
ein Boden, auf dem man kaum den Fuß setzen und nicht vermeiden kann, dass beliebte Spielzeugstücke zertreten werden - ein Schreibtisch, der zu nichts weniger zu nutzen ist als zum Hausaufgabenmachen - ein buntes Allerlei unter den Schränken (wieviel schon vom Staubsauger verschluckt wurde!)- tausend Blätter eines Abreißkalenders hinter die Heizung gerutscht - Socken allerorten auf Kommode, Fensterbrett und Blumentopf - dafür die Flugzeugsammlung in der Sockenkiste - ein chaotisches Bastel- und Leseatelier in seinem Bett - das Brettspieldurcheinander, kein einziges ist je vollständig - Pflanzen-Wasser-Experimente, x Tage alt, in Schraubgläsern - Würfel, Kreisel und Zauberstab unterm Teppich, dazu angefangene Geschichten, Musikkreationen und sonstige Zettel: ganze Romane lagern unterm Teppich - Wollschnurseilbahnreste an Möbelpfosten - von Legostadtruinen und Unmengen an gebastelten Erfindungen rede ich schon nicht …
Oft bin ich kurz davor, die Beherrschung zu verlieren, muss mich bemühen, den Sohn meine Wut und Aggressivität nicht spüren zu lassen. (Warum ich diese Ordnungsmacke habe, soll jetzt nicht Thema sein.)

Heute aber ein ungeahntes Erlebnis: ich stehe vor dem Chaos im Sohneszimmer, erwarte in mir die übliche Wut, bin bereit sie zu verarbeiten … doch … plötzlich wird mir ganz warm ums Herz.
In einem Augenblick hellster zärtlicher Empfindung sehe ich – mitten in all dem, was sich vor mir auf Boden, Tisch und Regalen ausbreitet – mein Kind aufleuchten. Mein unglaubliches Kind, das in jeder Sekunde mit dem, was ihm in die Finger kommt, ein Spiel ausdenkt, eine Maschine baut, sich (oder Möbelstücke:)) verkleidet, ein Experiment startet, eine Geschichte aufschreibt, eine Idee verwirklicht. Kaum dass er einen Weg im Haus zurücklegen kann, ohne etwas erfunden zu haben.
Wie könnte man da noch Socken wegräumen, und all das andere, wie ließe sich diese Unordnung vermeiden … ach. Er ist so unendlich vertieft in seiner Welt, es ist so stimmig in ihr, es ist so richtig und passend, wie es in diesem Zimmer aussieht …

Und meine innere Unordnung, wie schaue ich auf diese?
Auf meinen Energiehaushalt, bei dem nichts mehr am rechten Platz zu sein scheint, auf meine erlahmten Kräfte, die sich nicht bündeln lassen, um mir selbst aufzuhelfen. Auf mein durcheinandergekommenes „Lichtleitsystem“– äußeres Hell dringt nicht bis nach innen, wird auf seinem Weg nicht wie sonst durch Prismen in alle bunten Farben der Welt aufgefächert, sondern wie bei einem Negativfilm in Dunkles verkehrt. Auf meine Beziehungen, die auf den Kopf gestellt sind – statt mich mitzufreuen, empfange ich erfreuliche Dinge aus der Außenwelt an solchen Tagen im besten Fall mit Gleichgültigkeit, im schlimmeren mit düsteren Gefühlen, für die ich mich schäme und über die ich deswegen hier nichts weiter schreiben werde.
Ja, es ist große Unordnung in mir. Alles was sonst Stein auf Stein steht, liegt auf einem Haufen.
Wie schaue ich darauf? Mit Wut und aufsteigender Aggressivität, wie auf das Sohneszimmer? --- Ich gestehe es mir wohl selbst nicht ein: da scheint es Parallelen zu geben. Nicht Wut zwar, aber ein negatives Gefühl mir selbst gegenüber, das ist da. Warum sonst rüttelte mich dieser Moment von Sohnesliebe im Angesicht seines Zimmerchaos so auf …

Ich ahne, was unsere - meine und des Sohnes - Situation schwierig und schmerzhaft macht: dass ich ordnend einzugreifen versuche. Dass ich ständig etwas anderes will als das, was seines ist. Dass ich von außen ein Ziel versuche aufzustülpen: es soll bitte schnell wieder aufgeräumt sein – in meiner, nicht in seiner Ordnung. – Lasse ich dieses Zimmer sein wie es ist, betrachte es voller Liebe – dann, ja dann, mein Sohn, dann werden wir uns an diesem Punkt weniger wehtun.

Und bei meiner inneren Unordnung?
Lese ich die letzten Sätze nochmals, setze statt „seines“ ein „meines“, statt „mein Sohn“ ein „liebes Ich“ --- dann weiß ich, was ich lernen muss:
Mich selbst liebend annehmen, mit und in meinem ungeordneten inneren Zustand. Auf mich selbst zu schauen wie vorhin in diesem zärtlichen Augenblick auf meinen Sohn.
Dann werden solche Tage leichter zu leben sein.

Dass sich die innere Ordnung immer wieder von selbst einstellt, die Energien von selbst regulieren, die Kräfte wie neu wachsen, das Licht wieder an den richtigen Ort gelenkt wird, ohne dass ich dafür Schublade für Schublade aufräumen muss, das ist leicht und schwer zugleich. Leicht, weil ich nichts zu tun brauche. Schwer, weil ich nichts tun kann. Nur Geduld haben. Nur Geduld …

Kommentare:

  1. in einer wildblumenwiese liegt eine gewaltig große kiste. die wiese mit der kiste ist eingezäunt. stacheldraht an manchen stellen, an anderen kleine treppchen über den zaun, leider instabil- ja und du wanderst herum, immer herum...

    AntwortenLöschen
  2. Sag mal, hast Du Dir meinen Sohn ausgeliehen? ;-)

    Manchmal scheint es mir, schreibst Du von mir. Nur fehlt mir solcher Durchblick für das, was läuft.

    Danke für diese Worte.
    Maria

    AntwortenLöschen
  3. @Sonia:
    Magst Du ein wenig mehr dazu sagen???
    (Aber ich bin heute vielleicht einfach nur blind ...)

    @Maria:
    Ich dachte, nur meiner könnte das in dieser "Perfektion" :)
    Und: der Durchblick kommt nur momenteweise - möglicherweise würde ich diese Momente auch wieder vergessen, würde ich nicht abends drüber schreiben.
    Von daher bin ich selbst wohl am dankbarsten, dies hier schreiben zu dürfen ...

    AntwortenLöschen
  4. liebe uta,

    bei uns sind alle kinder wie dein sohn und in unserem wohnzimmer sieht es jetzt so ähnlich aus wie im zimmer deines sohnes.
    bei dem regenwetter waren heute alle mit "projekten" beschäftigt.

    ich wünsche dir dass du deine innere unordnung anzunehmen lernt, mit dem ausblick, dass irgendwann die ordnung sich wieder einstellt.

    eine gute nacht wünscht dir
    heike

    AntwortenLöschen
  5. Liebe Uta,

    schon wieder meine ich du schreibst von uns (du solltest jetzt gerade in Lucas Zimmer stehen :-) Ich habe auch manchmal einfach nicht die Geduld es anzunehmen, so wie es ist. Möchte alles perfekt sehen, doch was ist perfekt? Legen wir uns nicht zu sehr in Fesseln wenn wir immer alles geordnet haben wollen? Machen wir uns nicht gerade dadurch das Leben schwer? Ich würde sehr gerne mit dieser Gelassenheit und liebevollen Annahme leben, und ja, auch bei mir hängt es ganz stark mit meiner inneren Ordnung zusammen ob ich es gerade kann oder nicht. Also - lernen wir uns selbst anzunehmen und zu lieben, uns selbst gelassen entgegenzutreten, dann klappt es auch mit der Gelassenheit und Ruhe unseren Liebsten gegenüber (liest sich doch eigentlich gaaanz einfach ;-).
    Danke für deine Gedankenanstösse, sie sind wieder einmal sehr wertvoll!!

    Herzlich
    Rina

    AntwortenLöschen