Donnerstag, 7. August 2014

Radreise - die Tage 0: Prag


was für ein Katzensprung von uns aus dorthin, warum war ich ein Vierteljahrhundert nicht hier? und wundere mich auch noch, dass ich nichts wiedererkenne?
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sicher schaue und suche ich anders als damals, als Fastnochkind – jetzt sehe ich: nichts! – das Gesicht der Stadt weiß sich hinter spektakulären Kulissen, Vermarktung und Touristengedränge gut zu verbergen
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so voll, sooooo voll war es früher hier nicht, man kann nicht Schritt vor Schritt setzen – klar, wir drängen ja mit, wenn auch ohne Tablet vor der Nase (wurden die am Stadttor ausgeteilt? oder trägt man das jetzt so? permanentes Fotografieren oder Filmchen drehen, oder Filmchen schauen – von dem Gebäude, vor dem man gerade steht? – gerade, dass die Figuren der Karlsbrücke noch nicht mit QR-Codes beklebt sind – ich war wohl lange nicht mehr an einem touristisch sehenswürdigen Ort, war mir nicht bewusst, dass der gute alte Papierreiseführer ausstirbt)
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apropos Karlsbrücke: genau diese Maler, genau diese Typen standen doch vor einem Vierteljahrhundert auch schon hier? – ein erster Erinnerungsmoment
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es folgen weitere: beim Lesen tschechischer Wörter falle ich zurück wie sonst nur bei Gerüchen, morgens dann die Hörnchen meiner Kindheit, der Kümmel, die obligatorischen Oblaten (und die Tuben – Eingeweihte wissen;-)), und dann kommt doch noch das olfaktorische Gedächtnis zum Tragen, in der Metro nämlich (die Kinder stoßen auf der unendlichen Rolltreppe das gleiche Aaah und Oooh aus wie wir damals :))), welche, als ich die Station betrete, den Windzug spüre, den nahenden Zug höre, dann sehe, eine geballte Ladung Sentimentalität freisetzt (hier mischt sich wohl bei mir Prag mit Moskau)
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auf der Suche nach dem Leben dieser Stadt – wir fahren Straßenbahn, ziellos bis zu irgendeiner Endstation, spazieren in Parks, in denen Kinderwägen geschoben werden und alte Menschen auf Bänken sitzen, gehen nur essen, wo nicht auf Englisch geworben wird (nein, wir sind nicht verhungert) – schäme ich mich, nicht mal ja-nein-bitte-danke und die Zahlen herauszubekommen – ich suche immer zwischen russisch und polnisch, bevor mir schließlich italienisch entfährt
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das wird besser, als wir eines Abends unsere Klavierlehrerin treffen (sie ist Pragerin und auch gerade hier) und einen Minisprachkurs bekommen – sie zeigt uns ihre Kindheitsorte, erzählt von früher, führt uns durch die Gassen, lässt hauchweise ahnen, dass und wie man hier lebt, abseits aller Fremdenströme
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vielleicht muss man länger an einem Ort sein, um ihn zu spüren, vielleicht bin ich im Moment einfach nicht großstadtgeeignet – jedenfalls bin ich froh, den Großstadtmoloch sehr bald hinter mir zu lassen ...

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