Montag, 25. August 2014

Tag 16: Murchin - Bansin


das Frühstücksbüfett setzt der Jugendherberge die Krone auf :) --- und wir starten pappesatt nach einer letzten Beladeaktion und einer letzten Navizieleingabe und einer letzten Handschuhsuche auf die letzten Kilometer
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zunächst verläuft der Radweg entlang einer der beiden einzigen Straßen, welche auf die Insel führen: es ist Samstag, Rückreiseverkehr, Stoßstange an Stoßstange wälzen sich die süd- und mittel- und nordwestdeutschen Kennzeichen den Asphalt entlang, so dass wir nur schnell rasen, um dieser Autolärmduftwolke zu entkommen (unglaublich, wie schnell die Tochter mit ihren kurzen Beinen das kann:))
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auf dieser Straße sind wir bestimmt auch 1985 entlanggeradelt, mit der Klasse zum Zelten an die Ostsee, samt Klassenlehrer, dem wir erstmal erklären mussten, wie man bergauf und bergab schaltet (doch ja, wir hatten schon Gänge: 4 Stück – und er benutzte sie genau falsch herum), damals haben wir viel über ihn gelacht, als etwa der Topf, den er zur Campingkochgemeinschaft beisteuerte, ein Loch hatte – er war eine tragisch-komische Gestalt, sicher für diesen Beruf nicht gemacht, so ließ er sich auch nach uns wegversetzen in die „Volksbildung, Abteilung Lehrbücher“ – heute ziehe ich meinen Hut vor ihm, wie er sich da aufs Rad setzt, von Berlin nach Ückeritz fährt, zwei Wochen mit zwanzig 16jährigen in Zelten lebt …
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außer Erinnerungen hält der Tag viel Backfisch, viel Eis, viele Tiere, viel Weitblick und ein paar schöne Gesprächsbegegnungen bereit, dazu gibt es zwei Handküsse für mich (als nämlich ein Fischer am Hafen die Tochter fragt, ob es ihr Spaß mache, mit der Oma Fahrrad zu fahren – oooh, er versinkt im Boden, als die Tochter aufklärt, und dann überrascht er mich mit diesen Handküssen – na, dies ist hier eben die Gegend, wo man mit 20 Kinder bekam (und bekommt?) – und dann passe ich glatt ins Oma-Alter:))
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irgendwann, leider, ist Tagesende, Reiseende – Ankunft im Badetouristenort: ernüchternd, so viele Menschen auf einem Haufen, soviel Jubeltrubelheiterkeit gemischt mit Schickimickibedeutsamkeit muss man erstmal aushalten – all das Lächeln, all die Freundlichkeit, mit der wir auf dieser Reise bedacht worden sind, endet auf dieser Strandpromenade abrupt: angeraunzt, Weg abgeschnitten, geschubst, Fahrrad umgeworfen, das ganze Programm --- Fahrradreisen müssen wohl in einem Zivilisationsschockerlebnis enden, damit man ihr Ende begreift?
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noch ein paar Zahlen, Daten, Fakten: um 10.40 fahren wir über die Peenebrücke und betreten also Inselland – um 15.55 sind meine 1000 Kilometer voll und der Tacho springt von 999,99 auf 0,00 (als wenn nie etwas gewesen wäre:)) – kurz danach steht erstmals Ahlbeck auf dem Schild: noch 6 km (die haben es in sich – eine fast unwirkliche, staunenmachende Endmoränenlandschaft, das sind Berg- und Talfahrten, wie wir sie seit Dresden nicht hatten) – um 16.55 taucht das Meer vor unseren Augen auf: die Tochter baut sofort eine Sandburg, und ich darf die Reise nun Prag-Ostsee nennen (was ich zu ihrem Start nicht wissen konnte) – um 19 Uhr erreichen wir bei Zählerstand 1017 (nein: 17:)) die letzte Ferienwohnung und schütteln vor Unglauben den Kopf: dass die Tochter heute 61,5 km gefahren ist, das hätten wir vorher niiieee gedacht, sie hüpft bei aller Erschöpfung ganz glücklich und stolz in der Gegend herum (bevor ihr beim Abendessen der Kopf auf die Tischplatte fällt)
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und nun werden wir noch ein paar Tage hier bleiben, werden versuchen einsamere Strände als den heutigen zu finden, werden die Füße ins Meer stecken (wonach uns heute in dem Gedränge nicht war), am Strand entlanglaufen, Wind und Wellen ohne Strandkörbe und Dudelmusik suchen, ich werde lesen (wofür an den Reisetagen kein Raum war), in den Tag hinein leben --- ich bin gespannt, wie sich die Tage anfühlen, wenn ich morgens nicht mehr auf Wetter und Wind schaue, keine Tagesziele plane, keine Übernachtungen herbeitelefoniere, keine Uhr, keine Kraftreserven der Kinder im Blick habe, und keine Essenssuche im Fokus --- und dann werden wir allmählich und motorisiert nach Hause treideln
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die Kladde wird jetzt weggesteckt – wie wertvoll sie mir ist, mit wie viel Bewegung gefüllt, wie viel Vorbeigeflogenes enthaltend – sie reicht nun höchstens noch für eine Kurzreise: welche das wohl sein wird? --- die Gedanken, vor allem an den letzten Fahrtagen, wandern in Zukünftiges: dass ich all diese Wege gern noch einmal fahren würde, weil es doch nicht sein kann, dass ich sie schon wieder loslassen soll – in umgekehrter Richtung vielleicht, man sieht anderes --- und wie viele Wege es noch gibt, anderswo --- es wird ganz gleich sein auf welchen Wegen – ich glaube, in diesem Zustand des Fahrens etwas gefunden zu haben, das ich nicht mehr loslassen werde, das mich nicht mehr loslässt --- und sollte ich je ein Sabbatjahr nehmen, könnte das mit Radfahren zu tun haben?

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