Samstag, 23. August 2014

Tag 15: Bugewitz - Murchin


nachts erreicht mich ein erster Schultraum – Zeichen des nahenden Urlaubsendes: obwohl wir ja noch drei Wochen Ferien haben, rücken die Alltagsdinge wieder näher, wenn sich in den nächsten Tagen mein Denken und letztlich dann ich nach Hause bewegen werden
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genaugenommen feiern wir heute Ferienbergfest – die Tochter hat das ausgerechnet, weil sie der Meinung ist, in der ersten Ferienhälfte noch in der dritten und in der zweiten Ferienhälfte in der vierten Klasse zu sein: dann ist also heute Nacht der Klassenwechselsprung
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zunächst aber fahren die Nochdrittklässlerin und ich durchs Moor, was wegen der tiefhängenden Wolken, der kahlen Bäume, der Stille und für die Tochter auch wegen der Schautafeln, auf denen von Schlangen die Rede ist, fast ein wenig unheimlich ist --- sie ist froh, als wir auf der Asphaltstraße sind und der Bewuchs rechts und links des Weges wieder „normal“ aussieht
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ein Abstecher nach Kamp: Fähre schauen (und Fischbrötchen essen:)) – die Fährabkürzung auf die Insel nehmen wir aber nicht, denn unsere Jugendherberge liegt auf dem abgekürzten Teil, und ohnehin würde ich am liebsten ja gar nicht ankommen wollen:)
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die nächsten Kilometer sind – nach Karte – das letzte längere Stück der Reise in West- und Südwestrichtung: wenn nicht noch der seit zwei Wochen konstante Wind dreht, ist das damit auch das letzte längere Gegenwindstück – ich verabschiede mich schon mal innerlich von diesem treuen Begleiter meiner Fahrt, der Genügsamkeit und Demut gelehrt hat, der mir dieses Jahr erstmals beigebracht hat, dass man ihn sich ins Gesicht wehen lassen kann, ohne zu fluchen
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Anklam – wir haben heute kurze Strecke = viel Zeit: wie wenig Geld hier in diese Gegend fließt, abseits der Metropolen, abseits des Fokus jeder Landesregierung, wie viele Ruinen aus Kriegs- und DDR-Zeiten hier stehen und wie viele Brachen – das macht traurig --- so wird mir bei einem Foto fast die Kamera aus der Hand geschlagen, was es denn hier zu fotografieren gäbe – „mein Kind“, sage ich gerade noch rechtzeitig, denn das radelt in dem Moment vor die Ruine – und woher ich komme: aus Görlitz (ist ja nicht ganz gelogen – und sowohl Hauptstadt Berlin als auch Südwestdeutschland wäre für die um mich stehenden Männer die falsche Antwort gewesen) – dann entlädt sich der ganze Frust: dass hier immer die Wessis kommen, fotografieren, die Häuser ins Internet stellen, weil „die“ hoffen, hier für nen Appel und n Ei alles aufzukaufen – und dass der Bürgermeister ja auch so einer aus dem Westen sei, der mit denen aus Schwerin unter einer Decke stecke (warum der denn gewählt worden wäre? – na, hier will doch sonst niemand diese ganze Sch… anfassen) – und dass in Schwerin nur Lumpen sitzen … so höre ich zu, es ist schwer etwas dazu zu sagen --- kurz zuvor war ich noch sehr beeindruckt gewesen, weil die Nikolaikirche vor vier Jahren erst mit viel Initiative von einer Ruine wieder zu einem Kirchenschiff mit Dach werden durfte, und weil für den Aufbau des stadtbildprägenden Turms ebenso visionär und engagiert gearbeitet wird – eine beeindruckende Ausstellung im Kirchenschiff – und weil es eine Bürgerinitiative gibt zur Rettung der Altstadtsubstanz, und weil die Stadt wagt, olle DDR-50er-Jahre-Blöcke wieder abzutragen, wo sie das Marktbild (zer)stören --- hier in den Vororten hat Brecht wohl Recht: erst das Fressen, dann die Moral
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auf eine Weise bin ich nach dem Gespräch froh, wieder in der unverfänglichen Natur zu sein: dort liegt gleich unsere Jugendherberge – Hütten im Wald, ein Teich, ein paar Zelte nebendran, draußensitzen, mit der Tochter über die Reise reden – welch ein wunderbarer Übernachtungsort vor dem letzten Fahrtag, zum Abschluss unseres Nichtsesshaftseins

1 Kommentar:

  1. Durch Anklam fuhren wir auch auf dem Weg von der Müritz nach Usedom, mir kam die Stadt wie eine einzige Baustelle vor, mit einem abgehalftertem Erotikclub in einem uralten Ziegelgebäude. Was Du erzählst, wirkt leicht bedrohlich- aber auch logisch (was diese wilden Männer sagen)...Gute Weiterfahrt durch die Halbsumpfmeeresdünenvogelstimmenlandschaft!

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