Samstag, 16. August 2014

Tag 8: Bad Muskau - Guben


wenn man in der ersten Morgenstunde 20 km auf der glatten Asphaltbahn rollt, wie von selbst, fast ohne es zu merken und schneller als je – nennt man das dann einen fliegenden Start?
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außer dieser Landschaft brauche ich nichts … wir lassen den „Ostdeutschen Rosengarten“ einfach so vorbeiziehen, kurven nur kurz durch die Orte, die an der Strecke liegen, bleiben vor allem am Fluss --- bewegend hier sind all die abgebrochenen Brücken mit ihrer ungeschriebenen Geschichte: von den Deutschen beim Rückzug gesprengt? – jedenfalls nie wieder aufgebaut an der sogenannten „Oder-Neiße-Friedensgrenze“ (plötzlich kommt mir dieser Begriff wieder) – abgebrochene Brücken bis heute – nur an einer Stelle, da haben sich die Menschen der Dörfer rechts und links des Flusses einen eigenen Weg zueinander über die verwaisten Brückenpfeiler geschaffen
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die Landschaft befriedet, sie spielt vor dem Auge in immer anderen Variationen und ändert sich doch nicht, sie ist heute schon vertraut, als wäre ich ewig hier gewesen, sie ist Stille, wie ich sie suche, sie lässt die Seele fliegen (und das Fahrrad sowieso) – und sie lässt sich wieder nicht auf Fotos festhalten, obwohl ich es heute versuche
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erstmals mache ich mir Gedanken, wie es wäre an den Abenden zu zelten, um nicht in ein Haus zu müssen, um nicht diese innige Nähe zum Draußen zu verlieren, um voll und ganz hier zu bleiben, am Fluss, im Wald, wo immer – oder ob nicht Zeltplätze Orte sind, an denen man diese Nähe ebenso verliert, weil es voll, eng, laut ist? --- ich werde in den nächsten Tagen am Wegesrand hinschauen, wo man bleiben würde, hätte man ein Zelt mit sich – für künftige Reisen vielleicht
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heute aber: die Ortsnamen Klein und Groß Bademeusel inspirieren uns offenbar, jedenfalls machen wir schon vormittags unsere Übernachtung in einem Landgasthof mit Schwimmbecken fest – das motiviert insbesondere den Sohn zu Tempo (und Auslassung von Pausen – würde ich nicht protestieren)
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außerdem treibt uns die Wettervorhersage an (ist die Vorhersagbarkeit nun Fluch oder Segen? ich gehe nicht mehr unbefangen in den Tag, hänge in meinen Erwartungen fest) – es soll später regnen, wir wollen möglichst viele trockene Kilometer wegfahren – aber es tröpfelt nur ein paarmal, und immer wenn wir dem Himmel mit dem Auspacken unserer Mondmänneruniform drohen, hört er sofort wieder auf
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so Begegnungen am Wegesrand: der gesprächige Mann aus Dresden, den es soooo freut, dass wir Südwestdeutschen hier in diesem Teil des Ostens Urlaub machen, dass er uns gleich diverse sächsische Familienfreizeitradlerrennen ans Herz legt, und diverse Anlässe, zu denen wir un.be.dingt nach Dresden kommen müssten (wir werden sehen, was sich einrichten lässt:)) --- die uns hinterherschreiende Frau an der Straße: „Das arme Kind! Das ist doch kein Urlaub, was Ihr da macht, das ist Tierquälerei!“ (woraufhin den Sohn sehr bewegt, warum sie uns so anschreit, sie wisse doch gar nichts von uns, und wieso eigentlich TIERquälerei?) --- ein Radlerpulk, den wir vormittags ein paar Mal sehen – wir sitzen auf dem Deich, sie rollen auf uns zu, ohne zu wissen, dass der Wind jedes gesprochene Wort zu uns trägt: „Ach, das sind die Jungen.“ (beschämt werde ich fast ein bisschen rot, aber ich freue mich natürlich, dass meine Fahrweise jung wirkt:)) --- das Freundespaar, das – in einer speziellen Konstruktion aus Fahrrad und Rollstuhl – den gelähmten Freund mit auf die Reise genommen hat --- die Großfamilien, die diverse kleine Kinder in Sitzen, Anhängern, angehängten Fahrrädern transportieren und ein Rudel selbstfahrender Kinder neben sich haben, mit beeindruckenden Packtaschenhäufungen an den Elternfahrrädern, und die ähnliche Tourenlängen wie wir zurücklegen (nur in etwas längerer Zeit) – boah!
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schon am frühen Nachmittag sind wir da, baden und lesen und liegen und bummeln herum (fast hätten wir noch vergessen zu Abend zu essen:))

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