Donnerstag, 15. Oktober 2009

Adagio

Vom Morgen bis zum Abend scheint das Licht da draußen, ohne selbst zu wissen, daß es Licht ist. Hohe Bäume saugen Stille auf, sie haben nicht den Drang, das wesentliche Wesen ihrer Baumheit zu ergründen. Leere Steppen liegen ausgestreckt und endlos auf dem Rücken und bedenken nicht das Pathos ihrer Leere, Treibsand treibt und fragt nicht nach der Dauer, nach dem Grund oder dem Ziel. All dieses wundervolle Dasein, es ist wundervoll, doch wundert es sich nie. Der Mond geht rot auf, ein zerlaufenes Auge, und versengt die Dunkelheit des Himmels, ob seiner Einsamkeit ganz unerstaunt. Auf einer Mauer, dösend, eine Katze. Dösend, atmend. Und sonst nichts. Der Wind weht, dreht, weht jede Nacht über die Wälder und die Hügel. Dreht sich immerzu. Und weht. Er denkt nicht, appelliert nicht. Du allein …

Du allein“ – das ist der Erzähler bei Amos Oz, der in langen Nächten, das Wesen der Dinge schreibend zu erfahren sucht – mühevoll, vergebens oft.

Und ich,
in deren Kopf ständig Worte umherwandern – an mich selbst, an dieses Blog, an mein Tagebuch, an andere Menschen gerichtet,
in deren Kopf ständig Gedanken kreisen – um Grund, Wesen, Ziel zu ergründen,
ich lese dies wieder und wieder.
Beginne allmählich und staunend zu ahnen, dass dieses Kreisen und Winden und Drehen und Umherwandern in der Wort- und Gedankenwelt, auf der Suche nach der Mitte, niemals ganz ins Innerste hineinführen wird. Dass, solange nicht alles Denken und alle Worte verstummt sind, ich mich immer wieder gerade dadurch hinausbewege aus dem Zentrum.

Ja, das muss auch so sein, ich muss mich bewegen, ich muss wandern, meinen Weg entlang, und zu diesem Weg gehört Sprache, gehören Gedanken.
Und doch sinne ich nach über ein Adagio all meines Tuns, über das stille Sein der Bäume und des Sandes, des Mondes und der Winde.

Mir kommen Worte in die Erinnerung, mir jüngst von einer Reise in die Bergwelt geschickt: „Das wortlose, stillverstehende Arbeiten der Bergbewohner mit und für die Natur“, so etwa sagte sie, das könne uns „Predigt und Quelle zugleich“ sein. Ja.

Und ich?
Wie finde ich in ein Adagio hinein?
Wie bringe ich meine Gedanken, meine Worte in die Langsamkeit?

Weniger sagen-wollen, mehr lauschen.
Weniger lenken-wollen, mehr empfangen.
Weniger ergründen-wollen, mehr vertrauen.
Weniger verstehen-wollen, mehr mich hingeben.
Und:
Weniger tun, mehr sein, irgendwie.

So unklar die Worte hier vielleicht erscheinen, so wenig deutlich sich mir dieser Text schreibt – ist dies kein Zufall? – so sehr ahne ich, dass ich auf Bäume, Steppen, Sandwüsten und das Mondlicht schauen sollte. Und auf die Bewohner der weiten Bergwelt …

Kommentare:

  1. liebe uta,
    das hast du wunderbar geschrieben und gleichzeitig mein interesse an diesem buch geweckt.
    ich denke, die natur ist der beste ort um sich und zu sich zu finden,die seele zu weiten, sich hinzugeben, zu vertrauen, lauschen und sein und dann zu verwandeln. verstehen und hingeben, ergründen und vertrauen, reden und lauschen, tun und sein, weichen dann in ihrer gegensätzlichkeit auf.

    "denn du bist nichts als weg und durchgang und kannst nur von dem leben, was du verwandelst."
    exupery

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  2. Liebe Uta,

    wow, was für ein imposanter Text. Ich habe ihn heute schon ein paar mal gelesen und denke nun auch darüber nach, wie man diese Stille, dieses "ich tue nur das was Gott mir zugetragen hat" auf uns Menschen übertragen kann. Geht das überhaupt? Sind wir Menschen nicht dazu geschaffen, zu denken, zu kommunizieren, uns zu bewegen und zu drehen? Schauen wir uns doch die Kinder an, wie sie sich darauf freuen endlich loszulaufen, wenn sie es erst einmal können, wie sie laut-lachend ihre Freude herauslassenm, selten sind sie still (manchmal wäre es ein Segen sie wären es mal ;-)
    Wir sind so geschaffen, glaube ich zumindestens. Es darf nur nicht ein Zuviel des ganzen werden. Aber das abzuwägen ist nicht einfach, leider tappe ich auch immer wieder in diese Falle.

    Ich habe leider z. Zt. keine Ruhe, werde deinen Gedanken aber später weiter nachspüren. Danke!

    Liebe Grüße
    Rina

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  3. Liebe Heike, liebe Rina,

    es ist mir fast ein wenig unglaublich, wie hier Gedanken weiterwachsen ... Dieser Text hat mich schon lange nicht losgelassen, und als ich drüber schrieb, war es mir sehr diffus, was er mit mir macht. Weil es einerseits so schwer zu fassen ist, wie das sein soll, wenn sich Sein und Tun in ihrer Gegensätzlichkeit aufheben – und doch, Heike, ich glaube, so etwa verstehe ich es auch.
    Und andererseits weil es so klar wird, wenn man das strahlende Glück eines Kleinkindes sieht, das noch nicht sprechen, noch nicht unsere Gedankenwelt teilen kann, und doch schon alles weiß, auf seine eigene, unberührte Art. Und wenn man uralten Menschen begegnet, die nicht mehr laufen, nicht mehr sprechen können, und doch alles sagen, große Schritte gehen können, auf ihre Weise, von allem schon berührte Art. Und dazwischen wir, in der Phase unseres Lebens, in der wir – ganz klar, uns der Sprache und der Bewegung bedienen – um uns einander mitzuteilen, um von einem Ort zum andern zu gelangen, manchmal nur aus purem Vergnügen. Dann aber noch: Reden um des Redens willen, und Tun um des Tuns willen, ohne dass eine Verbindung zu unserem tiefen Sein gewahrt bleibt. Wie viele Stunden des Tages füllen wir damit, wie oft wird uns dies aufgezwungen, weil das äußere Leben voll ist damit.
    Ich glaube, diese Gedanken müssen noch sehr sehr weiterwachsen, sie entgleiten mir immer wieder. Wenn Ihr nicht wisst, was ich hier meine – so ganz klar ist mir das auch nicht, eine Ahnung nur. Lassen wir sie einfach in Ruhe reifen und gedeihen, diese Ahnung ...

    Ganz liebe Grüße
    Uta

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