Donnerstag, 15. Oktober 2009

Angst

Da sitze ich heute Mittag in der Schule und philosophiere in meiner Pause vor mich hin - über das Tun und das Sein, über den Weg zur eigenen Mitte ... während aus dem Lehrerzimmer nebenan erregte Stimmen zu mir dringen, während grüne Uniformen den Flur entlanglaufen, während an die Schulleitungstür das "Bitte nicht stören"-Schild gehängt wird.

Abruptes Ende der Philosophie-Stunde:
Mit einem Donnerschlag bricht das wahre Leben in mein Adagio ein, holt mich zurück auf den Boden der Realität.

Vier Gewaltvorfälle in den letzten zwei Tagen, jeder einzelne hätte Polizeieinsatz nötig gemacht. Boah!
Sachbeschädigung
massives Lehrermobbing
Körperverletzung
Androhung von ... nein, lieber nicht aussprechen (wenn es dazu käme, dann würdet Ihr das aus der Presse erfahren, von der Titelseite ...)
Und die vielen "kleinen" Alltags-Mobbing-Fälle in den Klassen, mit denen wir uns tagtäglich beschäftigen, die sind hier noch gar nicht mit dabei. Die interessieren die Polizei heute nicht.

Ende der Philosophie-Stunde.
Angst.

Unterricht gehalten, dennoch.
Zu Hause eine Email der Schulleitung vorgefunden. Instruktionen für den morgigen Tag:
hinterer Schulhof bleibt gesperrt, vorn werden alle Aufsichten verstärkt,
in den Klassen beruhigend einwirken, Panikmache vermeiden, Deeskalation der aufgeheizten Stimmung,
erhöhte Wachsamkeit,
Krisenteamsitzung,
Klassenkonferenzen.
Und ich, ich werde natürlich mein Auto nicht da auf dem Parkplatz lassen. Wobei ein zerkratztes Auto noch das Geringste wäre ...

Angst.
Erstmals zittern mir die Knie, wie ich mir das zu Hause alles so durch den Kopf gehen lasse, kommen mir Tränen.

Ich bügele den Rest des Nachmittags und versuche dabei auch die Wogen in meinem Innern zu glätten. Den Kindern lege ich eine DVD ein: Der kleine Eisbär - ich versuche, mich ein Stück weit von der heilen Welt anstecken zu lassen. Gehe immer wieder mit den Kindern kuscheln.

Angst.
Sie kriecht in mir hoch. Es ist unheimlich nahe, plötzlich.

Man, ich will nicht mehr täglich mit riesigen Klassen in winzigen Räumen arbeiten müssen.
Ich will nicht täglich mit ansehen müssen, wie die Kinder unter diesen Zuständen leiden.
Ich will Zeit und Raum und Kraft haben (und deswegen weniger Unterrichtspensum), um mich genau darum zu kümmern: wenn einer von denen nicht mehr weiter weiß, wenn ihm nichts mehr einfällt als blanke Gewalt.
Und ich will eine psychologische Ausbildung bekommen. Für morgen. Und überhaupt, für mein Alltagsgeschäft. - Nichts haben wir in der Richtung gelernt, nie.
Und ich will, dass wir mehr Beratungslehrer an der Schule haben. Ich würd mich auch gern dazu ausbilden lassen. Nur wird dies nicht genehmigt - wir haben ja schon einen.
Und ich will einen Sozialarbeiter an der Schule, das wäre wohl das Mindeste. (Ach so, haben wir ja: eine Viertel-Stelle für 800 Schüler. Ich vergaß.)

Ich will, dass jemand zuhört, was die Kinder zu sagen haben, die uns da jetzt mit Worten und mit Messern bedrohen.
Sie würden sagen: "Ich will xxx."
Und für das xxx setze man ... Zuwendung ... jemand, der mir zuhört ... Liebe ... ein warmes Elternhaus ... eine Schule ohne Druck ... dass ich nicht arbeitslos werde nächstes Jahr ... dass meine Klasse mich respektiert ... dass jemand für mich Zeit hat ...
Manch anderes noch. Zuhören!!!
Wenn sie nicht ihre Worte schon verlernt haben, wenn es nicht schon zu spät ist, für manche ...

Übrigens:
Wir sind süddeutscher Raum, ländliches Einzugsgebiet, Gymnasium, bildungsnahe Elternhäuser (wie man so schön sagt) - heile Welt, sollte man meinen.
Nicht Hauptschule, nicht Berlin-Wedding. Ich kann mir gut vorstellen, dass meinen Kollegen dort der Spaß am Lehrer-Beruf manchmal nicht mehr recht kommen mag.

Und noch etwas:
Habe jetzt mehr schlecht als recht Unterricht für morgen vorbereitet. Trotzdem. Oder gerade. Ein Stück Normalität planen - in der tiefen Hoffnung, dass es ein normaler Tag werden möge. Ein ganz normaler. Sieht man mal von dem gesperrten Schulhof ab. Und von meiner Angst, die sich so schnell wohl nicht verflüchtigen wird. Es ist zu nah gekommen, heute.

Kommentare:

  1. Oh Gott, was für ein Aufschrei.
    Ich versuche, die leidenden Schüler, welche kein gesundes Ventil kennen für ihre Verzweiflung, gedanklich durch meinen Tag zu begleiten. Und dich auch.
    Herzlich
    Gabriela

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  2. Ich hoffe, dass die Situation nicht eskaliert.

    Schade, dass für Atomenergie, für Rüstung und ähnlichen Quatsch immer Geld dazu sein scheint. Nur nicht für unsere Kinder, für die Schulen, für die Kindergärten. :-(

    Viele Grüße, Kat

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  3. Liebe Uta,

    ich hoffe dein Morgen verläuft so, wie du es erhoffst, voller Vertrauen. Leider gibt es einfach zu viele Elternhäuser in denen es kein offenes Ohr gibt, keine Zuwendung, kein Kuscheln oder Liebhaben. Leider kenne viel zu viele Kinder nur Geschrei, Gewalt, verschlossene Augen und taube Ohren. Ich hoffe für diese Kinder, das sie die Schönheit und Herzlichkeit des Lebens noch kennenlernen dürfen und das es dann noch nicht zu spät ist.

    Liebe Grüße
    Rina

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  4. Das klingt gar nicht gut!
    Aber ich finde es schön, dass es noch so Lehrer, wie Sie gibt, die sich Gedanken machen. Viel zu viele haben schon resigniert

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