Sonntag, 18. Oktober 2009

Erinnerungsfluss

Vy uze uslyschali,... schto Chonekker uschol?
So begrüßte mich meine Lehrerin, als ich – heute vor zwanzig Jahren – wie immer mittwochs in den Russischunterricht kam, den alle ausländischen Studenten an der Moskauer Universität besuchen mussten.
- „Haben Sie schon gehört, dass Honecker nicht mehr ist?“
- „Wie:´nicht mehr ist´?“
- „Na, nicht mehr Staatsschef.“
- „Ja, ist er gestorben?“
- „Nein, nein, da ist jetzt ein neuer.“
- „Nicht gestorben?“
- „Nein, zurückgetreten, abgesetzt.“
- „Und wer ...?“
- „Weiß nicht wie er heißt, mit so ´ner Nase.“
(entsprechende Handbewegung)

So etwa erinnere ich mich an das erregte Gespräch mit Jelena Michajlowna, die ihre Emotionen (und ihren Unterricht) sonst nur und ausschließlich Puschkin widmete. An jenem Mittwoch aber gab es nur dieses eine Thema. Was sie mir da erzählt hatte, war einfach nur unglaublich. In der DDR nämlich wurden, wie in der Sowjetunion, die Staatschefs nicht zu Lebzeiten abgesetzt oder gar abgewählt, sie starben halt irgendwann. Erst dann kam ein neuer. Jetzt dieser Rücktritt, dieser Sturz – das war eine Sensation. Auch wenn der neue Name Krenz nichts Neues erwarten ließ, war doch die Tatsache an sich, diese Palastrevolution, verheißungsvoll --- jedenfalls für uns da draußen in Moskau.

Möglicherweise habt ihr, die ihr diese Zeit mitten im Geschehen, zu Hause verbracht habt, den Tag anders erlebt und bewertet. Vielleicht waren euch schon die Demonstrationen Anfang Oktober deutliches Signal für einen Umbruch, weil ihr deren Tragweite aus der Nähe besser erspüren konntet. Vielleicht wart ihr mehr als wir sofort wieder desillusioniert, als der neue Name Krenz auf der Anzeigetafel erschien. --- Für uns jedenfalls, die wir seit Anfang August vom täglichen Miterleben der Ereignisse, von Nachrichtenübermittlung in Echtzeit und vor allem von den „Westmedien“ so gut wie abgeschnitten waren, war das der Tag des großen Hoffnung-Schöpfens.

Nach dem Unterricht eilte ich zurück in die Uni, ins Wohnheim, um die anderen zu treffen. Überall ging es nur „hast du schon gehört?“ und „weißt du was genaueres?“. Abends saßen wir lange zusammen, redeten und spekulierten. Träumten von einem Dritten Weg, wie die Utopie eines dritten Gesellschaftskonzepts damals genannt wurde (erinnere ich mich da richtig?), einem neuen Land, das wir ganz neu gestalteten. (Träumer, wir ... sage ich heute)

An jenem Abend wurden uns all die kleinen Zeichen bewusst, die man schon vorher hätte bemerken können. Das Neue Deutschland hatten wir täglich gelesen und als erfahrene DDR-Zeitungsleser durchaus zu deuten gewusst. Honeckers Ochs-und-Esel-Spruch und große ganzseitige Schlagzeilen „Menschenhandel des BRD-Imperialismus“, garniert mit Mentholzigaretten-Geschichtchen konnten nichts anderes bedeuteten, als dass das System mit dem Rücken zur Wand stand. Als Anfang Oktober ein Politbüro-Mitglied (ich glaube, es war Harry Tisch) in Moskau bei den traditionellen „Tagen der DDR-Kultur in der Sowjetunion“ weilte und eine Rede hielt, konnten wir uns des Eindrucks nicht erwehren, dass sich da jemand ein Hintertürchen offenhalten wollte durch ganz neuartige Formulierungen. Und dass diese Rede nicht wörtlich in der Presse abgedruckt wurde, war ein weiteres Zeichen ungewöhnlicher Vorgänge.

Allein: Wir fühlten uns vom Informationsfluss abgeschnitten, waren wir doch auf Spekulationen und Deutungen, die gänzlich falsch sein konnten, angewiesen. Das russische (ähm: sowjetische) Radio und Fernsehen gab nicht viel her außer den nackten Fakten. Das WWW war gerade erst dabei erfunden zu werden und natürlich weit davon entfernt, schon nutzbar zu sein. Emails gab es damals wohl schon, aber das spielte für uns keine Rolle, mangels Computern an der Uni. Telefonate in die Heimat mussten einen Tag vorher angemeldet und bezahlt werden – und wenn dann niemand zu Hause war, hatte man Pech und das teure Geld war hinüber. Briefe gingen drei und mehr Wochen.



Blieben Zeitungen. Am großen Uni-Zeitungskiosk wurden nämlich neben ca. 500 Stück Neues Deutschland auch die Süddeutsche Zeitung und die Frankfurter Allgemeine in jeweils fünf Exemplaren verkauft. Wir, die wir ohnehin fast alle im Hauptgebäude der Uni mit seinem 15000-Betten-Wohnheim untergebracht waren (nein, keine Null zuviel!), wechselten uns ab, um frühmorgens mindestens eine der kostbaren Zeitungen zu ergattern. Diese reichten wir dann im Laufe des Tages herum: schnell lesen und weitergeben. Wie wichtig war uns diese einzige zeitnahe Informationsquelle!
Ich erinnere mich an eine Szene, als uns eines Morgens direkt vor der Nase die letzte Süddeutsche weggeschnappt wurde – von einem Russen! Wir sprachen ihn an, bettelnd, fordernd fast, schließlich ging es um unser Land, nicht um seins. Er sagte, er sei Deutschlehrer und würde die Zeitung seit Jahren hier kaufen, weil er sie für den Unterricht bräuchte und informiert sein wolle, aber nun gut, er könne uns ja verstehen und überließ uns das kostbare Stück. (Zur Erläuterung: Kopierer gab es damals nicht.)

Ich weiß nicht mehr, ob schon in jenen Tagen oder später, als sich mit dem Mauerfall die Ereignisse noch mehr überschlugen, irgendwann war uns die Zeitung vom Vortag zu veraltet. Die dort berichteten Ereignisse waren ja mindestens 48 Stunden her, und in dieser Zeitspanne drehte sich das Geschehen in der DDR an manchen Tagen ebenfalls zweimal um die eigene Achse. So erhielten wir von unserer Botschaft die Möglichkeit, täglich, sogar alle 6 Stunden, das aktuellste Fax der DDR-Nachrichtenagentur ADN in einer Kopie abzuholen. Wir nutzten dies, hängten es immer sofort an der Wandzeitung aus. Vielleicht gelangten auf diese Weise manche Informationen sogar schneller zu uns als zu den Menschen, die vor den heimatlichen Bildschirmen und Radios saßen?

So war das damals. Unser Land löste sich in einem wahnsinnigen Tempo auf, und damit all unsere Lebensumstände, unser gesamtes Lebensgefüge. Wir alle hatten wohl keinerlei Vorstellung, was am nächsten Tag, in der nächsten Woche, im nächsten Monat sein würde. Weder jene von uns, die die Wende mit Beklemmungen, noch jene, die sie mit Erleichterung durchlebten.
Und wir da draußen, wir erlebten all das nicht weniger intensiv als ihr zu Hause. So abgeschnitten, so fern wir in Moskau waren, so sehr waren wir doch innerlich beteiligt, so nah fühlten wir uns dem Geschehen.

Jetzt, wo ich es aufschreibe, erinnere ich mich wieder intensiv an die spannungsgeladene Zeit. Die Stimmungen, Hoffnungen, Gefühle jener Tage, an denen so Unerwartetes und Unglaubliches geschah, was wir noch wenige Monate zuvor nie nie zu hoffen gewagt hätten, sind mir unglaublich präsent.
Ich denke, dieses „heute vor zwanzig Jahren“ wird noch öfter hier im Blog auftauchen. Denn noch nie habe ich unsere damaligen Erlebnisse, unsere ganz spezielle Sicht von Moskau aus, aufgeschrieben.
Das, was wir damals erlebt haben, möchte ich nicht eines Tages vergessen haben. Nein, wirklich nicht. Hej, wir waren Zeitzeugen!


Und ausgerechnet heute Mittag begibt es sich, dass bei uns im Küchenschrank die Tassen so weit aufgebraucht sind, dass ich in die hinterste Reihe greifen muss. Mir fällt die Tasse in die Hände, die als einzige aus meinem damaligen studentischen Haushalt noch lebt, die alle meine Studentenbuden durchwandert hat. Damals war sie mit in Moskau: Wie viele Liter Kaffee – vom echten, und vom russischen rastvorimy (löslichen) – mögen in sie und aus ihr geflossen sein, und wie viele Liter Tee – vom ersten, zweiten, dritten, oder – wenn die nächtlichen Diskussionen lang und die Teevorräte knapp waren – auch mal vom achten Aufguss.


Kommentare:

  1. Ich lese atemlos staunend – und beschämt. Ich weiss genau, was bei mir im Oktober 89 war, aber ich weiss genauso, dass ich von alledem, was du hier schreibst, keine Ahnung, für alldas kein Verständnis... hatte.

    Ein wertvolle Gefäss, diese Tasse.
    Möge sie dir und du uns noch vieles erzählen.

    Danke sagt eine kleine, peinlich unwissende Schweizerin.

    Gabriela

    Ist das Töchterchen wieder gesund?

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  2. Ach Mensch, liebe Gabriela,
    "peinlich" und "beschämt" ist doch nun das letzte, was hierher gehört. Bitte bitte nicht.
    Weißt Du, dass umgekehrt ich es bin, die neulich nach Deiner Aargau-Bemerkung (zum Post am 3. Oktober, dass Du Dir bei einer solchen Bemerkung ja nichts denken würdest) ganz beschämt war, wie sehr ich (wir alle vielleicht?) immer davon ausgehen, dass der andere unsere Welt kennt, dass wir so vieles voraussetzen und dann voller Groll in Missverständnisse stolpern. Mir ist durch Deinen Kommentar vor zwei Wochen mal wieder so richtig bewusst geworden, dass ich erst von mir erzählen muss, wenn ich verstanden werden will - ob es nun um die Wende oder um Anderes geht. Ja, auch ich habe in den Jahren nach der Wende gelernt, dass die Menschen hier im Südwesten, und erst recht Ihr, tatsächlich weit weg sind von allem, dass so manch (unausgesprochener) Vorwurf ungerechtfertigt ist.
    (Oh, wie müde bin ich, ich hoffe ich konnte sagen was ich meine.)

    Und ja, sie ist wieder gesund, pünktlich zum Kindergartenstart.

    Liebe Grüße
    Uta

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  3. Das ist ja noch einmal eine ganz andere Sicht.
    Ich bin zwar auch "Zeitzeugin", aber mit damals 16 Jahren hat mich einiges nicht so berührt bzw. beriff ich die Tragweite erst einige Jahre später.
    Aber an diese Momente erinner ich mich auch. Honecker abgesetzt! Das war wirklich ein Ereignis.
    An was ich mich aber erinnere war die Unsicherheit vieler Lehrer. Unser Geschichtslehrer hat wortwörtlich gesagt: "Ich weiß nicht mehr was ich Euch erzählen soll, deshalb fangen wir schon jetzt mit der Wiederholung für die Prüfung an." Thema wäre die Zeit vom 2. Weltkrieg bis zur Gegenwart gewesen.

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  4. liebe uta,
    vielen dank für diese einblicke und eindrücke. ich freue mich noch auf weitere.
    ich war 89 auch studentin und ich weiß noch wie wir hofften, für die freiheit, für das eins. das alles wurde unterschiedlich wahrgenommen, unterschiedlich bewertet....doch gerade dieses "unser land löste sich auf", sagt mir nochmal deutlich, dass wir uns nicht so sehr anhaften dürfen an unser äußerliches leben. landstriche, polit. systeme, kulturen und gebräuche prägen uns, aber eigentlich wäre es anstrebenswert sich nicht darüber zu definieren, denn sie sind vergänglich und im fluß.
    und so ein anhaften baut barrieren auf, sieht trennendes, vernebelt den blick für das wahre, was uns verbindet und was wir sind.

    liebe grüße heike

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  5. @Sigrid:
    Es ist immer wieder interessant, was so wenige Lebensjahre Unterschied ausmachen beim Erleben. Aber klar, ich war schon im 5. Semester, da waren die Zwänge des Systems schon spürbarer geworden - Zivilverteidigung, Parteiwerbegespräche, Vorladung vor die FDJ-Leitung, Androhung des Studienausschlusses - und Zwänge auf ganz anderer, privater Ebene wurden mir auch schon bewusster.
    Die Geschichtslehrer-Geschichte kenne ich von meinen Dresdner Mitstudenten: dort ruderten die Marxismus-Leninismus-Dozenten auch nur hilflos mit den Armen in der Zeit. (Einige von denen, die am besten rudern konnten, haben die Zeit übrigens schadlos überstanden und sitzen vermutlich heute noch auf ihren Stellen.)
    Übrigens: in der DDR wäre ich auch nicht Lehrer geworden, niemals, um mich nicht verbiegen zu müssen. Habe damals noch auf Diplom studiert und erst nach der Wende zum Lehramt gewechselt.
    Liebe Grüße
    Uta

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  6. Liebe Heike,

    weißt Du, dass ich gestern genau darüber nachgedacht habe, Gedanken in dieser Art anzufügen? Denn heute, in der Rückschau und vor allem im doppelten Alter, sehe ich das ganz genau so. Doch damals ... es war einfach schwer bis unmöglich, den Blick für das Wahre, das Verbindende zu behalten oder überhaupt erst zu finden, wenn man neben der Mauer aufwächst und diese für mich noch nicht mal die stärkste Beschränkung meiner Freiheit war, nein. Damit konnte man ganz gut leben, kannten es ja einfach nicht anders. Es gab viel subtilere Einschränkungen des Alltags, des Rechts auf Selbstbestimmung, die sooo zermürbend waren ...
    Und es gab viel mehr Situationen, in denen man ein "politischer Mensch" sein musste - bei Vorladungen zu diversen Gremien, bei jedem Aufnahmeantrag für DSF, GST und wie die Vereine alle hießen, die einem in unserer Schule quasi als Pflicht vorgelegt wurden, im Wehr- und Staatsbürgerkundeunterricht, sogar im Konfirmandenunterricht und in der Jungen Gemeinde ging es weit mehr um Politisches, nämlich im Sinne: wie komme ich da heil durch, ohne mich zu verbiegen ...
    Ja, in diesem Sinne war dieses "unser Land löst sich auf" für mich ein riesiges Befreiungsgefühl. Für andere, auch Freunde von mir, die in dem "Glauben" an das System aufgewachsen waren, an sein Gutes, seine Gerechtigkeit brach eine Welt zusammen, eine Glaubenswelt. Daran zerbrachen in der Zeit damals Ehen und Freundschaften ... wir haben vor zwei Jahren beim 20jährigen Klassentreffen in einem sehr intensiven nächtlichen Gespräch genau darüber gesprochen, sehr offen, sehr bewegend, auch nach so vielen Jahren noch, dass eine der größten Grausamkeiten wohl darin bestand, dass man von frühester Kindheit an in Polarisierung und Misstrauen aufgewachsen ist, dass selbst das Elternhaus einen nicht davor schützen konnte. Denn es gab ja (fast) nur staatliche Schulen.
    Und doch haben wir auch erlebt, dass die wirklich nahen Freundschaften dieses überstanden haben bzw. uns schon als Kinder klar war, dass uns gar nichts trennt, eigentlich.
    In diesem Sinne bin ich auch heute noch sehr erleichtert, dass unser Land sich aufgelöst hat - ich glaube, es war sehr schwer dort, ein Leben lang gesund, innerlich frei und bei sich zu bleiben. Nicht unmöglich, diese Aufgabe wäre auch zu tragen gewesen, aber ich bin froh um das Geschehene. Und auch froh drum, dass ich diese Erfahrungen machen durfte. Sie sind mir nicht Last, sondern bereichernd, im Nachhinein.
    Uff, Du siehst - ein weites Thema.
    Liebe Grüße
    Uta

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  7. liebe uta,
    ich bin auch froh, dass es so gekommen ist. ich kann nur leise erahnen, wie schwer es wohl war, sich nicht zu verlieren, auch in nicht in der angst.
    in der 10.klasse waren wir in dresden und schon allein die ganzen kontrollen und das wissen, ständig überwacht zu werden, waren unheimlich.
    jetzt habe ich manchmal den eindruck, die presse zieht oft mauern hoch, dort wo eigentlich keine sind, oder zumindest nicht so hohe.
    im frühjahr vermittelte unsere zeitung den eindruck, besser nicht freiwillig in die schweiz einzureisen, schon allein ein "grützi" statt "grüetzi" wäre fatal... und dann hatten wir in den ganzen zwei wochen nur freundliche begegnungen, ohne eines der "benimm-bücher" gelesen zu haben.
    ich denke, das wichtigste ist es, mauern und grenzen abzubauen, zumindest die inneren.

    liebe grüße heike

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  8. Ja, diese Schweiz-Warnungen sind mir auch untergekommen, und ebenfalls: natürlich keine unfreundlichen Begegnungen gehabt (wie auch ;)), obwohl ich mich am "gruetzi" nicht mal versucht habe. Ich glaube, ich bin ziemlich immun gegen solche "Erfahrungsberichte", zum Beispiel auch die über Rimini-Touristen-Feindlichkeiten, und so werden wir auch nächste Woche wie immer ganz unbesorgt nach Italien fahren ...
    LG Uta

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