Sonntag, 10. Januar 2010

Lektüre-Gedanken

Es ist mir beim Aufräumen in die Hände gefallen, dieses schmale Bändchen mit originellen Illustrationen,


in dem es um Involutionen und Einhängungen, um gruppenartige Mengen, die auf Bäumen wirken, um lokalkompakte Gruppen mit Linkshaarmaßen und Faltungen geht.

In welchem der geneigte Leser erfährt, dass Unc isomorph zum relativen Kommutanten Mnc von Mn im freien amalgamierten Produkt Mn*CC(T) ist, und ein positives lineares Funktional ω Zustand heißt, wenn ω(1)=1, ein Zustand darüber hinaus Spur, wenn ω(ab)= ω(ba), und diese wiederum treu genannt wird, wenn aus ω(a*a)=0 auch a=0 folgt.

In welchem man atemberaubende Sentenzen findet wie diese
Die nichtausgearteten *-Darstellungen von A xα G stehen in bijektivem Zusammenhang mit den kovarianten Darstellungen von (A, G, α), d.h. mit Paaren der Form (π,u), wobei π *-Darstellung von A auf H und u unitäre Darstellung von G auf demselben Hilbertraum H ist.
oder diese:
G heißt K-amenabel, wenn für jede stetige Gruppenwirkung von G auf einer separablen C*-Algebra A die linksreguläre Darstellung λα als Element von KK(A xα G, A xαred G) invertierbar ist.

Und hätte dieser blöde Blog einen gescheiten Formeleditor, könnte ich hier noch ganz andere poetische Kostbarkeiten teilen, wäre nicht darauf angewiesen, diese


und diese Perle


als bloße Fotokopie einzustellen.


Wunderbar! Ein Faszinosum! Nicht zu übertreffen an Lebensweisheit!

Und das Beste dabei: Um das Copyright muss ich mir keine Gedanken machen. Nein, ist nämlich alles meins, gehört mir. Ist nämlich meine Diplomarbeit. Meine!!!
(kreisch!)
Ich habe das geschrieben. Ich – könnt ihr euch das vorstellen??? (ich jedenfalls nicht …)
Und nicht nur das: Ich habe sogar verstanden, was hier steht. In meinem damaligen Leben.
Und schlimmer noch: Ich habe in dieser Welt geatmet – sie war für mich mit Leben erfüllt!!!

Ich bin sprachlos, wenn ich in diesem Heftchen blättere. Damit also habe ich Jahre meines Lebens verbracht, das wollte ich für immer zu meinem Lebensinhalt erklären …

(Ach so, wem sich das bisher nicht erschlossen haben sollte: Es handelt sich um eine Diplomarbeit in Mathematik, und zwar in Mathematik in ihrer letzten Konsequenz, der sogenannten reinen Mathematik. So wird die theoretischste aller theoretischen Wissenschaften in Abgrenzung zur angewandten Mathematik genannt. Die „angewandten“ Mathematiker nennen sie gern auch „abgewandte“ Mathematik. Die „reinen“ Mathematiker betiteln die andere Seite dafür als „unreine“ Mathematik.)

Wie froh kann ich sein, noch in letzter Minute den Absprung geschafft und das Promotionsstipendium zurückgegeben zu haben. Für alle Seiten war dieser Schritt damals unverständlich, für mich hat er sich als der einzig richtige erwiesen. So richtig, dass ich ihn hinterher keine einzige Minute je angezweifelt habe, bei aller Ungewissheit und aller Schwere, die dem Bruch mit meinem „alten“ Leben folgte, damals vor 16 Jahren.

Eine Reminiszenz an das damalige Leben ist geblieben: Ich unterrichte dieses Fach. Das ist kein Widerspruch, denn es ist und bleibt faszinierend für mich, die Gesetze des Denkens zu durchschauen und jungen Menschen dabei zu helfen, Strukturen in ihren eigenen Gedanken zu ergründen. Ich habe größtes Vergnügen daran, mit Schülern gemeinsam in versteckte Winkel des menschlichen Geistes vorzudringen, Gedankenwelten zu schöpfen, mit Ideen und Strukturen zu jonglieren. Ich liebe das Funkeln, welches dieses Spiel in den Augen des einen oder anderen Schülers hervorruft. Meine Augen funkeln mit, jedes Mal, und ich nenne diese Momente die Sternstunden meines Berufslebens.

Und wenn der eine oder andere meiner Schüler später den Weg einschlagen wird, den ich für mich verworfen habe, dann werde ich froh und ein wenig stolz sein, weil auch ich dazu beitragen durfte, dass sie oder er die abstrakte Welt für sich entdeckt und sich dort eine Heimat suchen möchte. Weil ich jemanden an den Ort führen durfte, den er als den seinen zu erkennen im Begriff ist.

Nur mein Weg war es eben nicht, diese Versenkung in der mathematischen Welt. Nach jahrelangem Irrtum, dorthin zu gehören, war es mein jemals befreiendster Schritt, wieder hinaus gefunden zu haben. Nun bin ich hier gelandet – hier, wo ich jetzt bin – und nun stimmt alles.


Dabei scheint die Frage nach der Kontinuität des Ichs auf:
Ist das immer noch das gleiche Ich, welches damals diese Arbeit schrieb und sich jetzt fast vor Entsetzen schüttelt?
War das schon mein heutiges Ich, welches damals in dieser so anderen Welt lebte und atmete?
Ich damals und ich heute – sind wir eines? Kaum kann ich das glauben, wenn ich in diesem Heftchen blättere. Nein, unmöglich eigentlich.

Ich stelle das Heft zurück an seinen Platz im Regal. In drei Metern Höhe wird es verweilen, bis es mir in einigen Jahren wieder in die Hände fallen wird. Werde ich mich dann davon trennen können?

Kommentare:

  1. liebe uta,

    wie du dir denken kannst, gleichen die auszüge aus deiner diplomarbeit für mich einer geheimschrift.
    ich kenne dich ja nicht in "echt", doch schon via blog und kommentare ist immer wieder einmal zu bemerken, dass so ein gewisser "forschergeist" in dir lebt und du dingen auf den grund gehen willst. sicherlich hast du das fach als schülerin schon geliebt, so dass es nahe liegend war, es auch zu studieren.
    jetzt wäre es natürlich interessant zu wissen, ob es ein ereignis gab, das dann den umschwung auslöste.
    jedenfalls finde ich es sehr bewundernswert,stark und mutig den gewählten weg zu korrigieren, erlebt man ihn als nicht mehr stimmig, gerade wenn man dafür unsicherheiten in kauf nehmen muß und das nicht-verändern viel einfacher und bequemer wäre.
    ich würde es nicht als zwei leben mit zwei ichs betrachten, sondern als ein ich, das für sich entwicklung zulässt und diese lebt und das sich nicht verleugnet.

    liebe grüße
    heike

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  2. ich bewundere dein beherrschen einer weiteren fremdsprache, die vielen noch fremder als das russische scheint. ich fand mathe früher auch toll - immerhin durfte ich zu allen matheolympiaden fahren. die logik, diese klare und reine, hat mich fasziniert. und in seiner abstraktheit gleichwohl auch abgeschreckt.
    du hast dich verändert mit den jahren, das ist der lauf der dinge! auch ich lebte in meiner kindheit und jugend auf ein berufsziel zu: das des musikers. auch das ist heute für mich nur schwer nachvollziehbar. aber es ist nicht nur, dass man sich verändert. man befreit sich von tätigkeiten (oder auch menschen und dingen), die nicht stimmig mit einem selbst waren. ja, man kann sich sehr irren im leben. und korrekturen sind fürwahr etwas sehr befreiendes.
    (es liest sich schön, was und wie du schreibst!)

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  3. Liebe Heike,

    diese Sprache besteht für mich jetzt auch nur noch aus Hieroglyphen - ich verstehe das absolut nicht mehr ;-) Vielleicht habe ich das Fach geliebt, in gewissem Grade sicher, aber nicht genug um es zu studieren, eigentlich. Das war mir aber nicht bewusst, weil ich zu erfolgreich war, Matheolympiaden, Spezialschule und so, auch an der Uni noch immer "Honig um's Maul" geschmiert bekommen, sozusagen, und der hat den Blick dafür getrübt, dass ich mich in einem Irrtum befand. Ich war unglücklich dort, wäre es später noch viel mehr geworden, insofern finde ich den Schritt weniger bewundernswert denn überlebensnotwendig. Schwierig war nur, dass ich in dem Moment so gar nicht wusste, was jetzt dran ist, dass ich aus einem Nichts etwas Neues finden musste. Es war eher ein Instinkt als eine rationale Entscheidung, dann Literatur (Slavistik) und Philosophie zu studieren - ganz neue, wunderbare Welten öffneten sich für mich.
    Auslöser war der Tod einer nahen Freundin. In der Nacht, als ich es erfuhr, war mir sofort alles ganz klar, von einer Sekunde auf die andere fiel diese gravierende Entscheidung - in dem Moment habe ich ohne jeden Zweifel verstanden, warum ich jahrelang so unglücklich war. Augenöffnend, absolut. Es ging gar nicht mehr anders als den Schritt zu gehen.


    Liebe podruga
    (wie schön diese Anrede klingt!),
    herzlich willkommen hier!

    Lese ich hier "Matheolympiaden"??? Du bist aber ein paar Jahre jünger als ich, also können wir uns da nicht begegnet sein ... wenn Du Berlinerin bist und von "fahren" schreibst, warst Du dann auch in Erfurt?
    Ich muss gestehen, mich hat an der Abstraktheit nichts abgeschreckt. Sie war für mich eher ein Spiel, ein sehr vergnügliches.
    So interessant: Mathematik und Musik finden sich sehr oft bei den gleichen Menschen.
    Dann vermute ich mal, dass Du auch in der DDR großgeworden bist - das fällt mir jetzt so auf, weil dort dieses "auf ein Berufsziel zuleben" wohl noch stärker ausgeprägt war als hier, weil wir so früh schon so zielbestimmt zu leben hatten. Sehe ich erst jetzt im Nachhinein. Und ich denke viel darüber nach, weil ich ja täglich mit meinen Schülern mitdenke, wo deren Reise später hingeht, und wovon deren Lebenswege so abhängen werden. Meine eigene "Schleife" (so nenne ich das mal) über diesen Irrtum ist mir da eine äußerst beruhigende Erfahrung: man muss und kann mit 18 noch nicht alles wissen, und es hängt nicht alles von der ersten Lebensentscheidung ab.

    Liebe Grüße
    Uta

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