Sonntag, 24. Januar 2010

Loslassen - Zulassen

„Danach ließ mich unser Herr ein erhabenes
geistliches Wohlgefallen in meiner Seele schauen.
In diesem Wohlgefallen wurde ich von einem
ewig währenden Geborgensein erfüllt,
wurde machtvoll gefestigt und verlor alle Furcht.
Mir war bei diesem Gefühl so froh und gut zumute,
dass ich mich in Frieden, Behagen und Ruhe befand
und nichts auf Erden war, was mich hätte betrüben können.
Dies aber währte nur eine kurze Weile,
und dann wandelte sich mein Gefühl,
und ich wurde mir allein überlassen,
bedrückt, überdrüssig meiner selbst
und ärgerlich über mein Leben,
sodass ich kaum Geduld zum Weiterleben aufbrachte.
Kein Wohlbehagen, kein Trost war da,
so empfand ich es;
nur Glaube, Hoffnung, Liebe;
die besaß ich in Wahrheit,
doch ich empfand es nur wenig.
Und gleich darauf schenkte Gott
mir wieder den Trost und die Ruhe der Seele
und eine so gesegnete und mächtige Freude
und Sicherheit, dass weder Furcht noch Kummer,
noch leibliche oder geistige Pein, die ich hätte erleiden können,
mich um meine Ruhe gebracht hätten.
Dann zeigte sich wieder die Pein in meinem Gefühl
und danach wieder die Freude und das Wohlbehagen,
bald das eine, bald das andere zu verschiedenen Malen
und es mag wohl zwanzig Mal so gewesen sein.“


(Juliana von Norwich)

… oder vierzig Mal oder noch viel häufiger …

Ganz gleich, ob wir dieses Pendeln zwischen Hoch und Tief, zwischen Hell und Dunkel, dieses „bald das eine, bald das andere“, dieses schwankende Empfinden für uns in einem spirituellen Kontext verstehen oder eine andere Sprache sprechen – wir sind diesem ausgeliefert. „Ausgeliefert“ in dem Sinne, dass wir die verschiedenen Stimmungen zulassen, als das Unsere akzeptieren müssen, weil sie Teil einer lebendigen Beziehung zu unserem eigenen Ich sind, weil sie uns eine Botschaft über unser Ich mitbringen. Und weil Widerstand dagegen schmerzt. „Ausgeliefert“ auch in dem Sinne, dass wir keine Schuld dafür tragen, uns nicht entschuldigen müssen, uns nicht mit eigener Kraft hinausbegeben können aus dem Tränendunkel. Nur geduldig warten, in zuweilen karger Seelenlandschaft, mit verstummter Zunge, warten eben …

Ach, ich weiß gar nicht so richtig, was ich eigentlich sagen will. Ich fühlte den Text, als ich ihn heute Mittag fand, so tröstlich, so sehr mich betreffend. Mich, die ich sooo gern die Kontrolle behalte, mit meinem Willen alles zu steuern versuche. Die ich immer wieder üben muss, dass dies hierbei nicht geht, dass ich loslassen muss, wie ich mich gern hätte, und zulassen muss, was da kommt. Immer wieder.

1 Kommentar:

  1. Oh, ich danke Dir sehr für diesen Eintrag! Ich fühle mich gerade sooo angesprochen...

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