Donnerstag, 28. Januar 2010

Voll peinlich?

Schneechaos - oder das, was heutzutage so genannt wird ;-), auch hier. Die Autos schleichen im Schneckentempo über den Berg. Als wir endlich an der Schule ankommen, geht der Sohn zu seinem Eingang, ich zu meinem, ich rufe ihn kurz zurück und sage: "Und wenn Du jetzt reingehst, klopfst Du an und sagst 'Entschuldigen Sie bitte, dass ich zu spät komme. Wir konnten nicht schneller über den Berg fahren.'"
Er knurrt zwischen den Zähnen hindurch: "Öh, das ist ja voll peinlich."
Und ich weiß nicht, ob er das Zuspätkommen, oder die Tatsache, dass er allein die Klasse betreten muss, oder ob er diesen Spruch meint.

Bestimmt tut er's auch nicht, das Aufsagen, ich wollte es ihm nur gesagt haben. Weil ich immer wieder erlebe, wie Schüler verspätet kommen und so gar nichts dazu sagen. Als wäre es das Selbstverständlichste der Welt.
Ich bin auch nicht naiv und erwarte innere Reue, sollte es Eigenverschulden sein. Aber was will ich dann eigentlich? Informiert werden über den Grund der Verspätung? Sehen, dass der Schüler weiß, dass Verspätung nicht normal ist? Auf Einhaltung einer Höflichkeitskonvention dringen?

Oder ist das kleinlich von mir, dass ich einen Entschuldigungsspruch erwarte? Bin ich da altmodisch? Muss ich endlich umlernen? Ist es "voll peinlich", sich in - zugegeben - formaler Weise zu entschuldigen?

Sind sie Form, oder sind sie Inhalt, diese Höflichkeitsfloskeln?

Und wem es seltsam vorkommt, dass mich das bewegt, sei erläutert:
Zu Beginn meiner Zeit im "Westen" hat mich all diese ungewohnte Höflichkeit, zum Beispiel in Geschäften, nicht nur irritiert, sondern richtiggehend aggressiv gemacht. Ich empfand sie als bloße Form ohne innere freundliche Haltung, als aufdringlich, als falsch und verlogen ('die wollen mir nur was verkaufen, die meinen mit ihrem Lächeln gar nicht mich ...').
Inzwischen habe ich mich daran gewöhnt, aber manchmal hinterfrage ich es halt. Eine Antwort habe ich für mich übrigens nicht, warum mir der Entschuldigungsspruch bei verspäteten Schülern so wichtig ist. Ich weiß nur, dass ich täglich drauf dringe.

Und als ich dieses Thema in die morgendliche Runde im Lehrerzimmer werfe, als wir reflektieren, inwieweit Höflichkeit ein Ausdruck meiner inneren Haltung und meines Menschenbildes ist, höre ich ein Schopenhauer-Zitat:
"Höflichkeit ist wie ein Luftkissen: Es mag wohl nichts drin sein, aber sie mildert die Stöße des Lebens."
Und ob wirklich nichts drin ist, werde ich weiter als Frage in mir tragen.

Kommentare:

  1. Hallo,

    ich lese hier schon länger mit und bei diesem Thema drängt es mich, doch etwas dazu zu sagen.

    Ich glaube, dass nicht nur das Innere nach Außen dringt, sondern mit der Zeit auch umgekehrt - also eine äußere Haltung auch nach Innen dringen kann. Von daher ist ja die Höflichkeit vielleicht doch nicht nur eine leere Floskel? Ich kann sowas leider nicht so toll ausdrücken......

    Gruß, Birgit

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  2. Bei uns verlangten alle Lehrer diese Entschuldigungen. Uns als pubertierenden Schülern war das sehr peinlich. Eine Lehrerin verlangte das nicht vor versammelter Mannschaft, sondern wir konnten nach dem Unterricht kurz zur ihr gehen und eine "Erklärung" abgeben. Das war deutlich angenehmer - und man war ehrlicher, was den tatsächlichen Grund anging. Denn das ist ja oft nicht das simple "Hab verschlafen". Manchmal steckt mehr dahinter, wie Du ja auch in Deinem vorherigen post schreibst.

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  3. Ich glaube, Ihr habt mir eine Spur gewiesen. Ich sehe auch, dass Erziehung zur Höflichkeit ein Weg sein kann, die äußere Form in innere Haltung zu verwandeln. Deswegen ist mir in dem Fall die Entschuldigung wichtig. Vor allem weil es Schüler mit sehr wenig Bewusstsein für gegenseitigen Respekt gibt.
    Aber andererseits, Katobia, hast Du wohl auf den Punkt gebracht, was mich daran schon lange stört: dieses öffentlich zur Schau gestellt werden. Mir als Schülerin war das sooo peinlich. (Na gut, den notorischen Zuspätkommern wohl nicht ...)
    Ich werde es wirklich in Zukunft so handhaben, dass ich von verspäteten Schülern lautloses Hereinkommen und Hinsetzen erwarte (das ist dann mal das Nächste: der Krach, den viele dann immer machen, und die Geschichten des Morgens werden in die Runde gestreut ...), und nach der Stunde ein kurzes Gespräch mit mir. Jedenfalls in der Theorie scheint mir das viiieeel besser, auch wenn ich in der Pause ohnehin schon gut beschäftigt bin.

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  4. Dein Blogeintrag hat mich grad nachdenklich gemacht. Ich merke, dass ich bei deiner Frage nach der Höflichkeit selber sehr ambivalent bin.
    Es gab eine Zeit in meinem Leben, wo ich Höflichkeit oft als leere Hülle empfunden habe, was sie ja wohl auch ganz oft ist. So dahin gesagte Phrasen, ohne dahinter zu stehen und es wirklich zu fühlen. Auf der anderen Seite hat Schopenhauer schon auch Recht. Höflichkeit hat auch was mit Rücksichtnahme aufeinander zu tun. Sich in Regeln des Zusammenlebens einpassen. Und in diesem Zusammenhang würd ich auch ne Erklärung und Entschuldigung von den Schülern wollen (nach der Stunde unter 4 Augen finde ich übrigens auch besser).

    Ich habe in meiner Arbeit oft mit jungen Erwachsenen zu tun, denen es schwer fällt, sich an solche Regeln des Zusammenlebens zu halten. Das ist dann aber meist nur ein Symptom, an dem sie kranken. Verloren gegangener Respekt anderen Menschen gegenüber ist das weitere.

    Ich halte es für wichtig, solche Entwicklungen schon im Kleinen abzufangen und bringe meinen Kindern deshalb durchaus Höflichkeit bei.

    Liebe Grüße
    Constanze

    PS: Gefunden habe ich deinen Blog, nachdem ich eine Antwort von dir bei Frau Wildgans gelesen habe - zu dieser berührenden Todesanzeige.

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