Montag, 18. Januar 2010

Zufrüh-Frühling

Letzte Woche traf mich schon ein Streif davon. Der einzige 10-Minuten-Strahl Sonne, den es in letzter Zeit gab, schien mir ins Gesicht, weil ich zufällig an einem großen Südfenster saß. Da wurde mir das Gesicht warm, da blendete es auf typische Vorfrühlingsweise – die tiefstehende Sonne traf das sonnenentwöhnte Auge, da waren Füße und Rücken kalt. Und als die Sonne wieder im Grau verschwand, fröstelte mein Gesicht.
Er brachte mich ganz aus dem Konzept, dieser verfrühte Frühlingsstreif. Ich schaute mich unruhig im Raum um, wusste gar nicht richtig, was Ungewöhnliches geschehen war.

Heute ein zweiter, stärkerer Hauch. Die Nachmittagssonne auf von Schneeresten gesprenkelter Straße, die Luft anders sich anfühlend als in letzter Zeit. Und ich mittendrin, stehe mit meiner Wäsche im Garten, hänge sie auf und bin fast froh, wieder ins schützende Haus flüchten zu können.
Ich bin irritiert.

Nein, es ist noch zu früh!
Es ist noch keine Frühlingszeit – wir haben Januar!
Januar – benannt nach dem römischen Gott Janus, dem Hüter der Türen und Übergänge aller Art, dem Gott allen Anfangs und Eingangs.

Jetzt ist die Zeit, in der sich die Kräfte des Lebens im Innern erneuern, in der die Samen des Künftigen unter schützendem Schnee wachsen können, während das äußere Leben zu einem scheinbaren Stillstand gekommen ist.
Vor dem Frühlingserwachen müssen wir Geduld aufbringen – so wie der Keim in der Stille und Dunkelheit der Erde den richtigen Zeitpunkt abwartet. Wir können es der Natur abschauen: die Zeit der erzwungenen Ruhe, des Rückzugs nutzen, um zu uns selbst zu finden, zu spüren was wir brauchen, um die künftige Richtung unseres Weges zu ertasten. Erst wenn im Innern echte Veränderung, Heilung und Wandlung geschehen durfte, sind die Lebenskräfte wieder reif dafür, aktiv und handelnd tätig zu werden.

Nein, alles in mir wehrt sich gegen dieses frühe Erwachen. (Auch wenn ich dafür seltsam angeschaut werde.) Man gebe sich nicht einer zu früh aufflammenden Hoffnung, einem zu früh aufflackernden Licht hin – ich bin noch nicht reif für den Frühling.

Und ich lese:

Und deucht dieWelt dir öd und leer.
Und sind die Tage rau und schwer.
Sei still und habe des Wandels acht:
Es wächst viel Brot in der Winternacht.

(Friedrich Wilhelm Weber)

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