Donnerstag, 22. Juli 2010

Von Klassenarbeiten und Noten und so

Bis zum Rand gefüllt waren und sind meine letzten Tage mit Korrekturen und mündlichen Noten und Notenlisten und Zeugniskonferenzen – das Schuljahr endet wie immer mit einem Zahlenberg. Und der wird dann nächste Woche auf kleinen Blättchen den Schülern ausgehändigt. Sie erhalten die Quittung für ein Jahr: einen Zettel voller Zahlen.

Was die aussagen???
Je länger ich in diesem Beruf arbeite, desto mehr rumort es in mir, bei dieser Frage. Immer spürbarer wird mir das beim Korrigieren: Dort, wo ich diese Zahlen „machen“ muss, dort ist mir die Arbeitsbelastung fast unerträglich – wie bei keiner anderen Tätigkeit, ja wie überhaupt sonst nie in meinem (Berufs)Leben. Notengeben tut mir mehr und mehr weh, und diese innere Sperre lässt mir das Korrigieren in letzter Zeit zu einer riesigen Barriere werden, jedes Mal …

Ach, Noten geben …

… da kommt die J. zu mir und will wissen, ob die letzte Arbeit noch etwas ändern könne - und ich muss ihr, dieser wachen, lebendigen, neugierigen, klugen J., der muss ich ein „ohnehin befriedigend“ ins Gesicht schleudern.

… da schreiben mir Kinder wunderbare Geschichten auf (ja: das gibt’s auch in Physikarbeiten :)), und ich muss ihnen „Thema verfehlt“ sagen und es benoten, wie das eben zu benoten ist. Während nebendran der brav-gedankenlos-Auswendiglerner seine Zwei bekommt.

… da höre ich ab und an die Drohkeule "muss ich Dir eine 5 geben“ aus meinem eigenen Munde.

… da kommen Woche für Woche die Matheförderschüler zu mir geschlichen, mit ihren stets entmutigenden Noten. Und als der kleine N. erstmals nach Jahren eine Vier schafft und ich mit ihm jubele (mit leicht feuchten Augen), ist er es, der immer wieder betont: „Es ist aber nur eine Vier minus.“ :(

… da schafft der C. nach unglaublichen Anstrengungen doch noch das Schuljahr, hat sich im Laufe eines Jahres um zwei Noten hochgearbeitet, aber als ich meine Bewunderung und Begeisterung äußere, relativiert er sofort: „Nein, es ist doch nur eine Vier. 'Gut' bedeutet etwas anderes.

Oh doch, lieber C.: Wenn eine Leistung „gut“ ist, dann Deine!
Aber am liebsten möchte ich diese Kategorisierung in „gut“ und „nicht gut“ völlig streichen.

Erinnere mich an ein Gespräch mit einem vertrauten Menschen, bevor ich mich zum Lehramt entschloss: Dass ich Angst davor hätte, Kinder in „sehr gute“ und „gute“ und „befriedigende“ klassifizieren zu müssen. Dass ich aber dennoch in den Beruf gehen wolle, denn das wäre ja nur ein Bruchteil der Arbeit, gehöre hierzulande eben dazu. Alles andere wäre viel wichtiger.
So etwa waren meine Worte. Tja, ich kann also nicht sagen, ich hätte es nicht vorher gewusst.

Doch jetzt, in diesen Tagen, da ich mich mit jedem Schüler einzeln über das vergangene Jahr unterhalte und dabei Worte zu hören bekomme wie „ich bin da schlecht“ und „eh nur mittelmäßig“ und „keine Leuchte“ und „nicht so gut“ - da ist wieder Bauchschmerzzeit, tief in mir. Ein Echo der mir gegenübersitzenden Kinderbauchschmerzen ...
Die Konferenzen gestern und heute - wir sprechen ja vor allem über auffallende, überforderte, nicht versetzte, kurz: über die bei uns "gescheiterten" oder gerade "scheiternden" Schüler - die sind auch nicht geeignet, meine Dünnhäutigkeit zu verkleinern. Im Gegenteil: nirgends wird mir deutlicher bewusst, wie gefangen wir in diesem System mitsamt seiner Defizitperspektive sind. Dann würde ich mich am liebsten aus dem Raum schleichen und nicht dazugehören.

Manchem Schüler kann ich nur von Herzen wünschen, dass die Eltern unsere alljährliche Empfehlung eines Wechsel zur Realschule endlich beherzigen, damit die Nachhilfe-4er-Zeugnis-Versetzungsbibber-Mühle ein Ende hat - für das Kind. Allzuoft tun Eltern dies nicht. Und wir müssen weiter zuschauen ...

Da nützt es nichts, dass viele meiner Kollegen - glücklicherweise! - auf die Kinder nicht mit Notenaugen schauen und versuchen, dies zu zeigen, so oft es geht. Das ist höchstens ein winziger Tropfen auf den heißen Stein - wenn überhaupt.
Oder ist das wenigstens schon etwas? Immer wieder über die (Un)Bedeutung von Noten zu sprechen, diese zu relativieren, und meine aufgeregten Abiturienten vor der Prüfung sanft zu beruhigen: Es ginge doch nur um eine Note - im Leben wäre das so gänzlich unwichtig, letztlich, da zählten andere Dinge … Wenn ich es schaffe, dass die Schüler in dem Moment wenigstens eine Ahnung davon bekommen, was ich damit meine – dann will ich froh sein. Dann haben sie wenigstens etwas bei mir gelernt ...
Jedoch: das sind ja nur die, die es bis zum Abitur geschafft haben :(

Kommentare:

  1. wenn ich das so lese, bin ich nochmal ganz besonders froh, daß wir uns für die waldorfschule entschieden haben, die eben eine solche rein leistungsorientierte benotung für die ersten 8 klassen nicht hat, sondern die menschliche seite und die entwicklung des kindes in den vordergrund stellt. (und auch froh bin ich, daß wir bzw unsere kinder dem landesweit üblichen leistungsdruck in sachen weiterführende schule entgangen sind: unsere schule IST die weiterführende schule. von 1 bis 12 (und 13, wenn die kinder wollen).

    für dich natürlich tut es mir sehr leid, diesem unzulänglichen system genügen zu müssen! vielleicht wäre ja ein schulwechsel etwas für dich? ein systemwechsel sozusagen? mathe und physik sind auch an waldorfschulen gefragte fächer! eine waldorfpädagogische zusatzqualifikation ist für pfiffige köpfe kein problem, das geht berufsbegleitend.

    - sind nur so gedanken -

    ach, das ist nicht der rechte ort, so etwas zu zu erklären. ich schaffe bloß keine mails mehr vor dem urlaub, bin schon arg ausgelastet.
    ich wünsche dir jedenfalls dann endlich erholsame sommerferien mit deiner familie!
    alles liebe!

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  2. ... und ich schaffte leider auch keine Mail, so lange schon ...
    Wie lange wirst Du weg sein?
    Ich melde mich auf jeden Fall - dann ;-)
    Wegen diesem hier (hab da natürlich auch so meine eigenen Gedanken dazu - ERklären brauchst Du mir glaube ich nichts ;-) - klären muss ich für mich). Und wegen manch anderem, was bei mir immer noch im Posteingang - und auf dem Herzen! - liegt.
    Alles Liebe zurück, und wunderbarsten Urlaub, wenn wir uns nicht mehr lesen
    Uta

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  3. Für brav gedankenlos auswendig lernen ist in Physik eine Zwei drin? Wenn nichts anderes geboten war, denn war zu meinen Zeiten nicht mehr als eine Vier drin.

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  4. Na, eine 2 ist vielleicht übertrieben. Aber in die Richtung geht es – es ist vorgeschrieben, dass etwa die Hälfte der Punkte für Dinge erteilt wird, die genau so im Unterricht schon bearbeitet wurden. Lernt man also den dicken Hefter auswendig (inklusive Rechenverfahren), kommt man schon weit. Ist ja auch nicht ausgeschlossen, dass ein „gedankenloser“ – ich meinte wohl eher: emotional unbeteiligter – Schüler dann doch noch einen kleinen eigenen Gedanken investiert :)
    Aber: Auswendiglernen fällt den Kindern heute schwerer als uns früher. Dafür gibt’s sicher viele Gründe. Und wenn die in Stoßzeiten jeden Tag eine Arbeit schreiben – das ist wirklich viel, sehr viel.

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