Samstag, 7. November 2009

Kühlschrank-Piaget

Nicht nur, dass sie ihren Vater mit ungeahntem Wortschatz verblüfft: „Dein Hosentall iss offen.

Nicht nur, dass sie beim kinderärztlichen Warten auf die Gummibärchenbelohnung in schier nicht enden wollendem Selbstgespräch über tapfer sein und weinen räsoniert und den Schluss zieht „Beebies net tapfer sein, weil die weinen.

Nicht nur, dass sie ihre kometenartig gewachsenen sprachlichen Fähigkeiten zur Erziehung der Familie einsetzt: „Nein!!! Du darf nett aufteehn, weil ich noch ess!!!

Nein, das ist noch längst nicht alles. Ertappe ich sie doch heute morgen dabei, wie sie mit den Kühlschrankmagneten lange lange Reihen legt und fröhlich absolut fehlerfrei bis 11 zählt. Immer und immer wieder. Erst nach der 11 beginnt sie wieder mit 7-8-9-10-11-7-8-9-10-11- …. (hört sich dann an wie ein Sprung in der Platte)
Mir ist ja klar, dass da noch kein ausgebildetes Zahlenkonzept bis zur 11 in ihrem Kopf besteht, aber es verblüfft mich dennoch und weckt meine Neugierde.

Denke ich mir nämlich, jetzt probierste mit ihr Piaget aus.
Frage sie vorab, ohne Anschauungsmaterial: „Was ist mehr – 6 oder 8?“ usw. mit verschiedenen Zahlenkombinationen. Das beantwortet sie immer richtig, nach kurzem Nachdenken. (Wandert sie in ihrem Kopf die Zahlenreihe ab? Ich weiß es nicht …)



Lege ihr dann also unter ihre 6er-Zeile eine zweite Reihe, wähle dabei mit Absicht kleinere Teile, mit Absicht eines mehr, und frage sie: „Wo sind mehr Teile?

Ha! Piaget-vorschriftsgemäß zeigt sie auf die obere Reihe und – Piaget hätte seine wahre Freude gehabt! – erklärt mir sodann durch Entlangfahren mit dem Zeigefinger, wie lang die doch sei. (Sozusagen: welch dumme Frage, Mama)

Ich lasse sie die Reihen zählen: 6 und 7. Frage sie zwischendurch, ob 6 oder 7 Finger mehr seien. 7, sagt sie, ganz klar (auch ohne Finger hochzuhalten).
Ich gehe wieder zu den Reihen zurück: „Wo sind mehr?“ – „Oben“.
Wir zählen nochmal durch, sie bleibt dennoch bei „Oben“.

Wun.der.bar!
Piaget hatte sooo recht, und die Tochter ist ja echt geduldig, dass sie solchen Abfrage-Zirkus mitmacht ;-)) (Kommt nicht wieder vor, versprochen!)

(Piagets denkpsychologische Stufentheorie ist wohl heute teilweise umstritten. Ich finde dazu den Satz: „Gegenwärtig besteht der Eindruck, Piaget habe die kognitiven Fähigkeiten von Kindern unterschätzt, vor allem die der kleinen Kinder.“ Beim Nachblättern in meinen Fachdidaktik-Unterlagen aus der Ausbildung entdecke ich zudem, dass ich Piagets Bauklotz-Experiment hier ziemlich verfälscht habe. Naja, macht nix. Ich wollte ja nicht seriöse Forschung betreiben. Außerdem hat Piaget meine Tochter ohnehin unterschätzt, wie ich eben gelesen habe ;-)))


Übrigens: Kann die Tochter am Ende auch schon lesen???
Das würde immerhin ihre Wortwahl der ersten Reihe erklären (welche sie vor meinem Dazukommen gelegt hatte): Sie wünscht uns allen für dieses Wochenende „Zuckerkuchen“ und nur „manch Wäsche“. Dazu möchte sie uns wohl sagen, dass so manches als "Geschenk" erkennbar wird, schauen wir nur aus anderer Perspektive drauf. Und der „Sprung“ am Ende der Reihe: Vielleicht Selbstreflexion ihrer eigenen Entwicklung in den letzten Wochen? Wer sie noch im August/September hat „sprechen“ hören, weiß wovon ich rede.

Wow, Tochter!
(Alles klar, wer in diesem Bereich gerade mit solchen Riesenschritten vorprescht, kann sich ums Trockenwerden nicht auch noch kümmern.)


Fußnote:
Um hier keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Ich lebe weiterhin ganz klar den Gedanken „Das Gras wächst nicht schneller, wenn man an ihm zieht.“ Ich trainiere und drille meine Kinder nicht, absolut nicht. Heute, das hatte einfach meinen Mathematikdidaktik-Forschergeist gekitzelt.
Und auch als Stolz-Posting will ich meinen Bericht nicht verstanden wissen. Eher als nachträgliche Antwort auf die (gefühlt) 1257 Nachfragen in den vergangenen zwei Jahren, ob sie denn immer noch nicht sprechen würde.
Ungleich seltener werden wir übrigens gefragt, ob sie denn immer noch so in sich ruhen, ob ihre Augen denn immer noch so wunderbar strahlen würden. Auch wenn‘s niemand wissen will: Die Antwort heißt Ja. Sie ruht, sie strahlt, die Tochter, unverändert. Und jetzt kann sie sogar noch sprechen – perfekt!

1 Kommentar:

  1. Hallo Uta, auch wenn es nicht ganz passt:

    Kind (3 J.)einer befreundeten FAmilie:

    ..., elf, zwölf, trölf,...

    Gute Nacht!

    Susanne

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