Sonntag, 8. November 2009

Samstag 13 Uhr 40

Ich bin sprachlos. Also das ist mir ja noch nie passiert.

Es klingelt an der Tür, kurz darauf ruft mein Mann nach oben ins Arbeitszimmer: „Da sind Schüler für Dich.“ Ich laufe verwundert nach unten (um diese Zeit?) … und sehe da ganz schüchtern und verlegen vier meiner Siebtklässlerinnen stehen. Ähm, mein Mann hatte sie schon ins Wohnzimmer gebeten.

Ja, sie wollten überhaupt nicht stören, nur fragen, weil sie nicht genau wussten bei der Gruppenarbeit, was genau sie da jetzt zum Donnerstag vorbereiten sollen, sie haben sich das nicht aus dem Buch rausgeschrieben, und jetzt haben sie sich eben getroffen und wussten allein nicht weiter, deswegen seien sie jetzt hier.

Nun, ich stehe einigermaßen verdattert da –
bin beeindruckt von diesem Einsatz für die Hausaufgabe (wie gesagt: die Stunde ist erst am Donnerstag – sie sind extra mit der Bahn aus dem Nachbarort angereist, meine Adresse haben sie aus dem Telefonbuch),
bin verlegen ob der Unordnung auf dem Esstisch,
bin sprachlos über diesen Mut, hier anzuklingeln (mein Mann erzählte mir hinterher, er hätte sie vorher aus dem Küchenfenster schon gesehen, sie hätten noch lange unschlüssig vor dem Haus gestanden, ob sie nun wirklich auf den Klingelknopf drücken sollen),
ja, und am meisten bin ich eigentlich gerührt über das Vertrauen, das sie einfach so zu mir nach Hause gefahren kommen.

Nachdem ich ihnen also beantwortet habe, was sie wissen wollen, schicke ich noch eine augenzwinkernde Bemerkung über die Existenz einer Email-Adresse und eines Postfachs in der Schule hinterher – und schon sind sie wieder weg …

Die Unordnung auf dem Esstisch ist eine andere Sache. Gewöhnungsbedürftig, wenn Schüler in intime Bereiche Einblick bekommen. Wenn sie mich im Schwimmbad in Badebekleidung sehen (noch ein Argument gegen Schwimmbadbesuche!), wenn sie im Drogeriemarkt hinter mir in der Schlange stehen und sehen, welche Tampons ich benutze, wenn in der Dorf-Arztpraxis die Sprechstundenhilfe ein lautstarkes Gespräch mit mir über meine Wehwehchen führt. Aber es war schließlich meine Entscheidung, mich an die Schule im Nachbardorf versetzen zu lassen ;-))

Und wenn ich´s genauer bedenke, gehört die Unordnung auf dem Esstisch gar nicht zu den Dingen, die ich verstecken möchte. Ach schade, wirklich, dass ich nicht so spontan war, umgehend das Frühstücksgeschirr beiseite zu räumen, 5 neue Gläser hinzustellen, ihnen einzuschenken und einfach so ein bisschen mit ihnen da zu sitzen und zu reden. Welch verpasste Gelegenheit …

Kommentare:

  1. Liebe Uta

    Bei einer Lehrerin wie DICH!! hätte ich mich wohl auch zu klingeln getraut....

    Einen lieben Sonntagsgruss

    Christina

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  2. Guten Morgen, liebe Christina,

    danke für diese Worte (einbisschenrotwerd).
    Deine Email habe ich bekommen, auch dafür sehr sehr danke. Wenn Zeit ist, mehr dazu. Im Moment nur: ich bin soooo berührt von diesem "Angebot". Und Du bekommst jetzt schon ein JA von mir.

    Einen schönen Sonntag Euch allen
    Uta

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  3. liebe uta,
    die wollten dich außerhalb deiner lehrerinnenrolle kennenlernen, dies spricht ja wirklich sehr für dich.
    ich glaube, es verringert die distanz, wenn sie etwas von deinem privatleben mitbekommen, überhaupt die tatsache, dass du eins hast.
    ich kann mich noch gut erinnern wie wir lange meinten, lehrer lesen nur die zeit, gucken nur nachrichtensendungen, haben ein theater-abo und hören nur klassische musik. wie wohltuend es dann war die französischlehrerin mit ihrem freund beim einkaufen zu treffen und im einkaufswagen frauenzeitschriften, süßigkeiten und ein haartönungsmittel zu entdecken.

    liebe grüße heike

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